04.06.2010

Lucs Kolumne


Achtung, Mithörer

Nostalgiker möchte ich nicht sein, aber ich kann mich noch erinnern an die Aufkleber, die in Telefonkabinen aufgeklebt waren und auf denen „Fassen Sie sich kurz" zu lesen war. Damit niemand das kurze Gespräch mithörte, besaßen die Kabinen noch eine Tür, die den Anrufer von Lärm und indiskreten Ohren isolierte. Falls ein Zweiter an dem Telefonat teilnehmen wollte, musste er sich mithineinquetschen.

Neulich wurde ein Bekannter von mir, Sven, während einer Zugfahrt bestens über die Geschäfte einer Firma informiert. Zuerst diskutierte sein Sitznachbar mit dem Handy ausführlich über einen Auftrag, das Auftragsvolum wurde ihm dadurch bekannt: 90.000 Euro, die Dokumente sollten in der Schweiz unterschrieben werden und Herr Dies und Frau Das wären nur unter diesen Bedingungen einverstanden. Die Unterlagen wurden aus der Tasche geholt und prompt erfuhr Sven um welche Firma es sich handelte. Der Anrufer an der anderen Leitung rang um die Auftragskosten, Svens Sitznachbar wollte den Preis partout nicht senken, dann wurde detailliert über das Verfahren gesprochen. Inzwischen holte Sven aus Neugier sein Smartphone heraus, wählte sich ins Internet und erkundigte sich über die Firma. Ihr Produktportfolio war ihm bekannt, dann erinnerte er sich, dass er den Namen der Firma schon mal gehört hatte. Sie boten die gleichen Dienstleitungen wie sein Freund in Braunschweig an. Sehr interessant dachte er und verfolgte nun aufmerksamer das Gespräch. Er nahm seinen Notizblock und fing an einige Daten aufzuschreiben. Der Preis des Auftragsvolumens, die Fristen, wann der Anrufer spätestens das Angebot haben wollte. Dann wurde das Gespräch beendet.

Der Sitznachbar wählte nun eine neue Nummer. An der Stimme merkte Sven, dass eine Frau in der Leitung war. Der Sitznachbar erzählte erneut alles, was er vorher mit dem Kunden besprochen hatte. Sven prüfte seine Notizen und berichtigte die Daten, die er aufgeschrieben hatte. Der Sitznachbar bat die Frau, einen anderen Kollegen zu fragen, ob er mit dem Vorschlag des Kunden einverstanden sei. „Es ist dringend", sagte er, „der Kunde will nicht lange auf eine Antwort warten." Dann beendete er das Gespräch. Nach einem Augenblick klingelte das Handy erneut. Die Frau meldete sich. Der Sitznachbar drückte ab: „Was? Kann er nicht aus der Sitzung raus? Haben Sie ihm die Nachricht übermittelt? Na gut, ich warte auf seinen Anruf."

Der Zug fuhr weiter. Zwei Sitze weiter vorne unterhielt sich ein Junge übers Handy. Sven lauschte kurz und hörte wie er seinen nächsten Konzertbesuch plante. Das interessierte ihn nicht, er blickte durch das Fenster und schaute auf die Landschaft, bis der Zug einen Bahnhof erreichte und anhielt. Weitere Reisende stiegen ein. Der Zug fuhr weiter, der Schaffner kam vorbei und stellte seine bekannte Frage: „Ist jemand eingestiegen?" Svens Sitznachbar trommelte unruhig mit den Fingern auf dem Tablett. Er blätterte in seinen Unterlagen, Sven sah die E-Mails-Ausdrucke, leider konnte er die Zeilen nicht ablesen. Beide warteten ungeduldig auf den Anruf des Kollegen. Sven war neugierig und wollte wissen, ob das Geschäft klappen würde oder nicht. Er bedauerte, dass nun seine Blase drückte. Zuerst ignorierte er dieses Bedürfnis, er wollte den Anruf nicht verpassen und presste seine Beine zusammen. Der Druck stieg und stieg. Er konnte sich nicht mehr zurückhalten und lief schnell zur Toilette. Kaum war er fertig, rannte er an seinen Platz zurück.

„Hatte der Nachbar den Anruf schon bekommen?" Er konnte das nicht wissen. Eine Frau hinter ihm bekam einen Anruf, er verstand nichts, zu fachlich war das Gespräch, eine Mischung aus englischen und deutschen Ausdrücken, wahrschlich eine Programmiererin. Eine andere Reisende nahm ihr Handy und wählte: „Habt ihr gegessen?" Anscheinend sprach sie mit ihren Kindern. Auch wenn das Gespräch einer Mutter uninteressant für ihn war, lustig könnte es sein, dachte er und wollte zum Zeitvertreib das Gespräch belauschen. Aber genau in dem Moment klingelte es bei seinem Sitznachbarn.

Der Kollege war am Telefon. Er konnte mit dem Preis nicht mehr runtergehen. Der Reisende versuchte ihn zu überreden: „Taktisch ist das nicht klug, Herr Hoffmann, er ist ein zuverlässiger und guter Kunde." Der Kollege blieb stur und weigerte sich den Auftrag zuzustimmen. Das Gespräch wurde intensiver, beide wollten nicht von ihrer Position abrücken. Der Sitznachbar bestand darauf, ohne die Zustimmung seines Kollegen, den Auftrag nicht bearbeiten zu wollen. Daraufhin nahm Sven an, dass beide ähnliche Positionen innerhalb des Unternehmens haben müssten, weil der Sitznachbar seinem Kollegen gesagt hatte, dass er den Auftrag nur annehmen könne, wenn der Kollege überzeugt sei und die Verantwortung mitträgt. Aber diese Entscheidung wollte der Mann nicht treffen. Schließlich einigten sich beide auf eine Bedenkzeit. Gleich nach diesem Gespräch wählte der Mann die Nummer des Auftragsgebers und bat ihn wiederum um einen Terminaufschub, er könne seinen Vorgesetzten nicht erreichen.

Warum hatte Sven das Gespräch verfolgt? Obwohl die Gesichter der Mitarbeiter der Firma ihm unbekannt waren, wusste er, dass die Firma seinem besten Freund die größten Sorgen bereitete. Er hätte nie in seinem Leben davon geträumt, dass er ihnen begegnen würde und war plötzlich mitten im Geschehen dieses Unternehmens.

Zu Hause angekommen rief er seinen Freund an und überreichte ihm alle Daten, die er aus dem Gespräch entnommen hatte. Sein Freund nahm Kontakt mit dem Auftraggeber auf, dem er anhand der Informationen, die er erhalten hatte, ein besseres Angebot machen konnte.

Warum und wie die anderen den Auftrag verloren haben, darüber können sie nur rätseln. In den Zügen hören weiterhin fremde Ohren mit.

Luc Degla