02.10.2009

Oktober 2009


Das menschliche Google

Schon in meiner Jugend habe ich festgestellt, dass Informationen ein höchst interessantes und wichtiges Gut sind. Damals hörte ich jeden Tag, früh morgens, bevor ich mich auf den Weg zur Schule machte, die Nachrichten von Radio France Internationale, BBC, der deutschen Welle aus Köln und natürlich unseren nationalen Sender. Die Sender hatten ihre Nachrichten so ausgestrahlt, dass man sie alle hintereinander hören konnte.

Ich suchte alle Frequenzen ab nach neuen Nachrichtensendern. Welch eine Freude, als ich eines Tages einen südafrikanischen Radiosender erwischte. Ich hörte ihnen eine Weile zu und stellte schon in den Achtzigern fest, wie absurd die Apartheid war. Der Informationskrieg zwischen der südafrikanischen Regierung und der Befreiungsorganisation ANC war erbittert. Das Apartheidregime wetteiferte mit dem ANC und versuchte dauernd gegen ihre Meldungen Stellung zu beziehen und sie zu diskreditieren. Sobald eine Militärjunta sich in einem afrikanischen Land an die Macht gepuscht hat, gehörten die Radiostationen zu den ersten Objekten, die sie besetzte.

Ich war süchtig nach Informationen. Ich abonnierte mehrere Jugendzeitschriften und las alles, was mir unter die Finger fiel. All diese Informationen stammten meiner Meinung nach von normalen Unternehmen, unter anderem von Verlagen, die so Geld verdienten. Aber während meines Studiums in Moskau entdeckte ich, wie ein privater Mensch den Informationsbedarf eines anderen für sich nutzen konnte, um an Geld zu kommen.

Anfang der Neunziger hatte eine Wirtschaftskrise Russland im Griff. Die Löhne reichten nicht und wurden in manchen Fällen gar nicht bezahlt. Ich wollte eines Tages einen Freund, der mit dem Zug anreiste, am Bahnhof abholen. Die Anzeigetafel, die die Ankunft- und Abfahrtszeiten der Züge verkündete, war aus. Ich ging zu einer Kabine, auf der ein Schild mit der Schrift „Information" stand. Ich fragte die junge Dame, die darin saß, ob der Zug angekommen sei oder Verspätung habe. Sie zeigte schweigend mit dem Finger auf einen Zettel, den sie auf die Glasscheibe geklebt hatte. Ich lenkte meinen Blick darauf und las, was da stand: „5 Rubel pro Frage". Wahrscheinlich wollte die Dame ihren, wegen der Inflation, geschrumpften Lohn aufbessern.

Ich bezahlte das Geld und bekam auf einem Zettel, die Ankunftszeit des Zuges. Für alle, die es vergessen haben, damals gab es noch kein Handy! Also konnte mein Freund mir nicht bescheid sagen, dass der Zug Verspätung hatte.

Zehn Jahre nach diesem Ereignis erfuhr ich, dass ein amerikanisches Unternehmen mit Suchanfragen Geld verdient. Ich verstand nicht, wie die Begriffe, die ich in die Suchmaschine eintippte, in Geld umgewandelt werden könnten, und schickte der Firma Google eine E-Mail. Die Antwort war: „Vielen Dank für das Interesse an unserem Unternehmen. Aber bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir unser Geschäftsmodell nicht preisgeben können." Danach erfuhr ich aus den Medien, dass das Unternehmen seinen Umsatz mit Werbung macht.

Jahre später ich habe festgestellt, dass meine Verwandten und Freunde in der Heimat nicht aufhörten, mich mit E-Mails zu belagern. Sie wollten immer wieder etwas wissen: Worauf soll ich achten, wenn ich in Deutschland studieren will? Was braucht man für ein Visum? Was essen die Deutschen? Wie ist das Wetter? Kennst du einen Laden, wo man ein Stromaggregat kaufen kann? Wie viel kostet ein Fotoapparat in Deutschland? Schmecken die Cornflakes dort anders? Was ist Sauerkraut? Wie bäckt man Apfelkuchen? Wie viel kostet ein Mercedes? Deutschland ist Weltmeister in regenerativen Energien, kannst du für uns Unterlagen über Solarzellen besorgen?

Wie Sie sehen, viele Fragen, die jeden Tag kamen und nicht aufhörten. Genervt habe ich angefangen unfreundlich zu antworten: „Schaut doch selbst im Internet! Alles steht drin!" Einige schrieben zurück: „Ich weiß nicht wie." Wenn ich mich nicht mehr gemeldet hatte, erhielt ich keine weitere E-Mail von derselben Person. Aber einige Tage stellte wieder eine Andere ihre Fragen.

Ich habe über das Phänomen dieser Fragewut solange gerätselt, bis ich nach einer Reise in die Heimat eine Erklärung bekam. Meine Landsleute benutzen zwar viel ihre Handys aber kaum das Internet. Das Web dient dazu nur, E-Mails zu schreiben. Ein Abonnement ist sehr teuer und man geht nur ins Internetcafé, um seine Post abzuchecken. „Was macht man nun?" fragte ich mich. Mit meiner Anwesenheit im Lande nahmen die Fragen noch zu und ich konnte nicht ausweichen. Irgendwann kam mir die Frau vom Bahnhof in Moskau in Sinne. Ich mietete einen Laden und öffnete das erste Auskunftslokal des Landes. Wer eine Information aus Deutschland brauchte, musste nun bezahlen. Falls er die Antwort telefonisch haben wollte, musste er sich registrieren lassen und im Voraus bezahlen. Mein Mitarbeiter schickte mir jedes Mal eine E-Mail, wenn eine Frage gestellt wurde.

Leider musste ich nach drei Monaten den Laden schließen. Ich verstand, warum Google kein Geld für Suchanfragen nimmt. Die Leute wollten für ihre Anfragen nicht bezahlen. Nachdem ich auf neue Anfragen nicht mehr reagiert habe, schreibt mir keiner mehr. Wahrscheinlich spielt gerade ein Anderer das menschliche Google.

Luc Degla