05.01.2010

Lucs Kolumne


Delokalisierung und Identifikation

Man kann nicht genug über die Veränderungen, die das digitale Zeitalter mit sich gebracht hat, schreiben. Die Delokalisierung und die Identifikation kamen mir in den Sinn, nachdem unser Hausmeister mir über seine Lage berichtet hatte. Sein Sohn wollte wissen, für welches Unternehmen er arbeitete. Der Vater sagte ihm den Namen der Firma, dann fragte der Sohn, ob die Firma groß sei. Er überlegte kurz und antwortete, dass er das nicht genau wusste. Er habe Kollegen, die er nie sehe, er kenne seinen Chef nicht. Er war nur einmal in dem Büro, um seinen Vertrag zu unterschreiben und seitdem bestehe der Kontakt mit seinem Unternehmen nur über Telefon und Bankkonto.

„Das bedeutet, du arbeitest für ein geistiges Unternehmen", erwiderte der Sohn. Er hatte Recht. Einer, der nicht in der Lage ist, seinen Arbeitgeber einem Ort zuzuordnen, kann seinen Kindern nur mit Schwierigkeiten zeigen, wo er arbeitet. Er konnte seinem Sohn nur das Logo der Firma vorlegen. Früher war er Hausmeister in einem Gebäude. Seine Frau setzte ihn dort jeden Tag ab und holte ihn, wenn er mit der Arbeit fertig war, ab. Dann kam die große Zeit der Rationalisierungen und Sparmaßnahmen. Der Betreiber des Gebäudes strich seine Stelle und entließ ihn. Dann, für einen Bruchteil seines Lohnes, beauftragte er eine Hausmeistergesellschaft, die Aufgaben des Hausmeisters zu erledigen. Die Hausmeister-Gesellschaft stellte ihn zu demselben Lohn ein und übergab ihm die Betreuung von fünf weiteren Gebäuden. Er bekam ein Auto und fuhr zu festgelegten Terminen zu den verschiedenen Objekten. Die Bewohner schrieben E-Mails, wenn sie einen Schaden melden wollten. Für Notfälle hatten sie seine Handynummer.


Am Anfang fand er seine Tätigkeit abwechslungsreich und genoss die Tatsache, dass er nirgendwo richtig gebunden war. Wenn die Unternehmen mehr Geld verdienen wollen, sprechen sie leider immer von Sparmaßnahmen. So wollte der neue Arbeitgeber des Hausmeisters den Umsatz steigern und beschloss die Zahl der Mitarbeiter zu reduzieren. Er bekam mehr Objekte und arbeitete noch länger, als im Vertrag vereinbart war, sodass er nicht mehr wusste, wie er die Überstunden abbauen konnte. Weil ihm gesagt wurde, dass ihm nicht gekündigt würde, weil er einer der besten Mitarbeiter des Unternehmens war, traute er sich nicht zu protestieren.


Der Arbeitergeber schien nicht mehr daran zu glauben, dass seine Angestellten tatsächlich alle Objekte in der vorgegebenen Zeit beaufsichtigen können und fing an, die Autos per GPS zu überwachen. Dadurch, dass er soviel Überstunden machte, wurde seine Frau misstrauisch und fing an, seine Dienstpläne zu studieren und ihn per Handyortung zu verfolgen. Eine Funktion, die sie ohne sein Wissen aktiviert hatte.



Die Geschichte des Hausmeisters zeigt, wie schwierig es heute ist, viele Unternehmen geografisch einzugrenzen. Ein Unternehmen X hat zwar seinen Sitz in San Francisco, aber vielleicht sieht man dort nur ein kleines Büro, obwohl es tausende von Menschen beschäftigt und rund um das Globus arbeiten lässt. Aber, wer wissen will, in welcher Stadt ich mich Morgen aufhalten werde, braucht nur im Internet nach meinen Terminen zu suchen. Es hat eine Umkehrung der Identifikationen stattgefunden. Früher war der Aufenthaltsort eines Menschen schwer definierbar, wer einen ehemaligen Schulkameraden suchte, hatte es nicht leicht. Etwas, das heute ein Kinderspiel geworden ist. Ist der gesuchte Freund nicht im Internet, sucht man den nächsten und findet irgendwann, denjenigen, der die Verbindung herstellen kann. Aber, wer heute eine Firma ausrauben will, braucht nicht mehr eine Zentrale zu überfallen und die Regale zu leeren. Er braucht nur einen Mitarbeiter zu unterwandern.

Aus diesem Grund wird ein neues Gebiet in der IT-Welt entstehen. Ein Gebiet, das eine Schnittstelle zwischen den großen Konzernen und den Callcentern wird. Man kann sich vorstellen, dass der Mitarbeiter des Callcenters nur die Daten erhält, die er gerade braucht und diejenigen, die die gesamten Daten eines Unternehmens betreuen, irgendwo lebenslänglich im Gefängnis sitzen.


Eine Tatsache, die ich während der Beratung eines afrikanischen Ministeriums angewendet habe. Die Regierung wollte wissen, mit welcher Innovation sie das Land attraktiv machen können und dabei konkurrenzlos bleiben. Ich empfahl der Regierung große Unternehmen, die in Europa und in Amerika mit sensiblen Daten arbeiten, das Angebot zu machen, in diesem afrikanischen Land Server zu installieren, um die Betriebsdaten zu speichern. Gepflegt werden die Daten von Gefangenen. Dadurch werden diese auch noch etwas für das Bruttosozialprodukt tun. Weder Terroristen noch Spione würden auf die Idee kommen, dass Daten von Weltkonzernen in Afrika gelagert werden. Wer nichts sucht, wo er nichts vermutet, findet auch nichts. Die Zukunft der IT-Welt bietet noch viele Perspektiven.

Luc Degla