02.04.2010

Lucs Kolumne


Der Ansturm

Als ich noch ein kleiner Bube war, hat mich ein Bericht fasziniert. Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, ob er in einem Buch oder in einer Zeitschrift stand. Es war ein Bericht über den amerikanischen Gründer einer großen internationalen Zeitung, der während einer Weltreise davon geträumt hatte, täglich weltweit Nachrichten zu vermitteln, indem dieselbe Zeitschrift, mit fast dem gleichen Inhalt, schnell in jeden Winkel der Erde geliefert wird. Er hatte auf der Reise Nachrichten aus der Heimat vermisst und dachte, er wäre nicht der Einzige sein, der dieses Bedürfnis hätte.

Nach seiner Rückkehr gründete er die Zeitung, deren Hauptredaktion sich in Amerika befand, während Druckereien, die um den Globus verteilt waren, die Inhalte per Telegramm nach Redaktionsschluß bekamen, sodass die Blätter pünktlich zum Frühstück an die Leser geliefert wurden.

Das, was im neunzehnten Jahrhundert eine Sensation war, ist heute dank Internet selbstverständlich. Jeder kann, fast überall auf dem Globus, Nachrichten aus der ganzen Welt in Echtzeit beziehen. Es gibt sogar Buchhandlungen, die Printmedien aus 80 Ländern der Welt anbieten. Ein Kopiergerät in einer Ecke des Ladens übernimmt die Aufgaben, die früher in den Druckereien erledigt wurden. Die Nachrichtenquellen sind so vielfältig, dass man praktisch an einer Nachrichtenüberflutung ersticken könnte: Radio, Fernseher, Internet und vieles Andere versorgen uns tagtäglich mit Informationen.

Das Novum beim Internet ist, dass der User selbst Nachrichtenvermittler geworden ist. Die Meldungen werden für alle ins Netz gestellt. Die Nachrichten werden nicht mehr geografisch gelesen, sondern global in einem sprachlichen Raum. Nur die Sprachen grenzen die Leser von einander ab. So wird ein Deutscher in einem Internetcafé in Tokyo neben einem Engländer sitzen und deutschsprachige Internetseiten abrufen, während dieser sich über seinen Stadtteil in London informiert.

Sie werden sich sicherlich fragen, warum ich überhaupt über ein Phänomen schreibe, das jedem bekannt ist. Der Grund liegt an der Tatsache, dass wir im Umgang mit den technischen Errungenschaften nur die Vorteile sehen, sodass wir nicht bedenken, dass wir unser Verhalten anpassen müssen.

Ich habe mich für das Thema entschieden, weil die Eltern eines Freundes vor Kurzem, plötzlich Besuch von vielen Verwandten, Freunden und Nachbarn bekamen. Es war ein Sonntag, den ganzen Tag kamen immer wieder Bittsteller, die angeblich Geld für Medikamente oder Lebensmittel haben wollten, andere hätten nur gerne einen kleinen Schein, damit sie auch etwas von den neuen reichen Nachbarn erhalten hätten. Die Haustür ging auf und zu, die Gäste sprachen ein Gebet aus und sagten den Eltern, Gott wird ihr kurzfristig erlangten Reichtum lebenslänglich erhalten. Die Eltern verstanden nichts und konnten sich den Ansturm nicht erklären. Die ersten Gäste glaubten noch, dass die Eltern ihnen etwas vorspielten, ärgerten sich und verließen schimpfend das Anwesen. Es dauerte aber nicht lange, bis Eltern meines Freundes erfuhren, dass ihr in Frankreich lebender Sohn angeblich viel Geld im Lotto gewonnen hätte. Der Sohn eines Nachbarn hatte die Meldung im Internet auf der elektronischen Pinnwand eines Netzwerkes gelesen und weitererzählt.



Die Eltern waren natürlich glücklich und begannen auch mitzufeiern. Die Gäste bekamen zwar kein Bargeld, durften aber die Getränke, die sich vorrätig im Schrank befanden, austrinken. Die Freude war aber nur von kurzer Dauer, weil einem Bruder meines Freundes eingefallen war, dass mein Freund sich noch nicht gemeldet hatte und dass man am besten vorher mit ihm Kontakt aufnehmen sollte, bevor weitergefeiert würde.

Mein Freund wurde in Frankreich angerufen. Das Gesicht des Anrufers wurde skeptischer, während alle anderen ihren Atem anhielten, da die Stimme meines Freundes nicht wie die von jemandem klang, zu sein, der Millionen gewonnen haben könnte. Nach dem zeremoniellen „wie geht es dir?" kam nur ein Lamento als Antwort. Er beklagte sich über die Probleme, die er bei der Arbeit hatte, und fragte dann, was der Anrufer auf dem Herzen hätte.

„Ich rufe eigentlich an, weil wir hier in Benin erfahren haben, dass du im Lotto gewonnen hast und alle Verwandten und Freunde, die sich jetzt bei deinen Eltern versammelt haben, und ich, wollen dir gratulieren und dich bitten, uns nicht zu vergessen."

„Wer hat euch erzählt, dass ich im Lotto gewonnen habe?" fragte mein Freund, der ärgerlich geworden war. „Die Nachricht wurde im Internet gelesen." Da begriff mein Freund, was geschehen war. Er gehörte zu einer Tippgemeinschaft, die 20.000 Euro gewonnen hatte, viel Geld in Benin. Da der Verantwortliche des Lottoscheins zu ungeduldig war, um bis zum nächsten Treffen zu warten, setzte er den folgenden Satz auf die elektronische Pinnwand und twitterte seinen Kameraden: Wir haben 20.000 Euro gewonnen! Das außer meinen Freund noch 20 weitere Personen an dem Gewinn beteiligt waren, wussten die, die in der Heimat waren, nicht.

Im Nu änderte sich die Stimmung auf dem Hof in Benin. Der Vater bedauerte seine Whisky und Cognac-Flaschen, die leer getrunken worden waren, und bat alle sein Grundstück sofort zu verlassen. Er plumpste aufs Sofa, blickte auf die leeren Chipstüten, die auf dem Boden lagen, und dachte sich: „Jetzt kann ich nachfühlen, wie es den Bauern geht, wenn Heuschrecken ihre Felder überfallen.

Luc Degla