02.08.2009

August 2009


Der Autodieb

Jan war ein Meister. Jahrelang hatte er auf seinem heimischen Computer hauptsächlich Passwörter geknackt. Danach machte es ihm Spaß auf fremden Webseiten böse Wörter zu hinterlassen, sehr zum Ärger der Webmaster. Irgendwann war ihm das langweilig geworden, er brauchte neue Herausforderungen, einen neuen Kick, wie er sagte. Er entwickelte ein fernbedienungsähnliches Gerät, mit dem er die Codes von Autos lesen konnte. Er knackte so die Türschlösser und begann Autos zu stehlen, die er ins Ausland verschob.

Die Rituale waren immer dieselben. Sein Herz bebte, Schweiß lief ihm über die Stirn, er fragte sich, ob er es wieder schaffen würde, fing an den Code zu suchen, bis er das Klicken hörte und die Tür öffnen konnte. Er setzte sich auf den Fahrersitz, streichelte das Armaturenbrett und seine Finger fuhren über das Lenkrad. Dann startete er den Motor, fuhr über die Grenze und beliefert seinen Auftraggeber, der sich bei ihm mit einem üppigen „Honorar" bedankte.

Dieses Mal hatte er es auf eine dicke Limousine abgesehen. Das Auto stand vor einem Gebäude, in dem sich ein Ingenieurbüro befand. Das Ingenieurbüro entwickelte, wie der Zufall es wollte, elektronische Geräte für die Automobilindustrie, die in Fahrzeuge eingesetzt werden. Sie entwickelten Schnittstellen, die es ermöglichten, dass das Auto ständig mit dem Internet verbunden war.
Die Limousine gehörte dem Chef der Firma. Sie war mit Lederbezügen ausgestattet und gut gepflegt. Obwohl auf dem Tacho 70 Tausend Kilometer standen, sah das Auto wie neu aus. Jan setzte sich, startete den Motor und fuhr los.

Nachdem der Chefentwickler Feierabend gemacht hatte, ging er auf den Parkplatz und stellte fest, dass sein Auto verschwunden war. Er überlegte kurz, ob er vielleicht mit dem Fahrrad zur Arbeit gekommen war und diese Tatsache vergessen hatte. Er kratzte sich den Kopf. Vielleicht wollten seine Mitarbeiter ihm einen Streich spielen. Aber nein, er hatte nicht Geburtstag, um etwas Ähnliches befürchten zu müssen.

Schnell ging er in sein Büro und fuhr seinen Computer hoch. Er hatte die Gewohnheit, alles, was er entwickelte, zuerst in seinem Auto auszuprobieren. Er setzte sich über Skype mit dem Auto in Verbindung und meldete sich über die Lautsprecher: „Ich verstehe, dass mein Auto Ihnen gefallen hat und dass Sie einer Probefahrt nicht widerstehen konnten. Ich bitte Sie es umgehend zurück zu bringen." Zuerst erschreckte sich Jan, aber schnell fand er seine Ruhe wieder und antwortete: „Niemals!"

Der Chefentwickler rief ein Programm auf und verfolgte auf einer Karte die Route, die sein Auto gerade fuhr: „In wenigen Minuten werden Sie an einem Polizeirevier vorbeifahren. Ich bitte Sie, dort anzuhalten und das Auto vor dem Revier zu parken. Sie brauchen sich nicht der Polizei zu stellen. Es reicht, wenn ich mein Auto von dort abholen kann."

Jan antwortete nicht und gab weiter Gas. Der Entwickler hatte bemerkt, dass Jan sich der Grenze näherte und bekam Angst, sein Auto nie wieder zu sehen, obwohl es voller Elektronik war. Er versuchte nun in das System einzugreifen und programmierte das Türschloss neu. Jan hörte ein Klicken. Er fuhr an den Straßenrand und hielt an. Er konnte die Tür nicht öffnen. Er holte sein eigenes Gerät und versuchte zu programmieren. Er bekam kein Signal, weil er den Code nur von draußen knacken konnte.

Der Entwickler sah auf seinem Bildschirm, dass das Auto stehen geblieben war und rieb sich die Hände. Die Freude war aber kurz. Jan hatte beschlossen, seine Fahrt fortzusetzen. Nun hoffte der Entwickler, dass der Tank bald leer sein würde. So glaubte er ihn doch noch dingfest machen zu können. Tatsächlich ging die Benzinanzeige runter und Jan entschied sich den Entwickler zu täuschen: „Was werden Sie machen, wenn ich das Auto zurückbringe? Ich wollte nur eine Probefahrt machen. Es hat mir Spaß gemacht."

„Nichts", antwortete der Chefentwickler, „Sie waren mir auch nützlich. Ich konnte einige Sachen testen." Jan drehte um und nahm die entgegen gesetzte Richtung, Er fuhr sozusagen nach Hause. Nach einigen Minuten bat er den Entwickler, ihm die Tür zu entriegeln, damit er tanken könne.

Der Entwickler wollte das Auto noch in dieser Nacht zurückbekommen und dachte nicht weiter nach. Er ließ Jan aussteigen und tanken.
Nachdem er getankt hatte, wollte Jan wieder wenden und die Fahrt Richtung Grenze fortsetzen. Aber der Entwickler hatte schon die Steuerung im Griff. Jan konnte keine 180° Drehung mehr machen. Das Lenkrad ließ es nicht zu. Er wurde bis zum nächsten Polizeirevier gelotst. Die Polizei, die vorher schon vom Entwickler per Telefon avisiert wurden war, umstellte den Wagen und nahm Jan fest. Der Entwickler aber fragte sich, ob er, statt Jan in einem Gefängnis schmoren zu lassen, ihn nicht lieber als Programmierer einstelle?

Luc Degla