02.05.2009

Mai 2009


Der fürsorgliche Sohn

Alles begann an einem Sonntag. Florian, der Informatiker besuchte seine Eltern. Sie frühstückten und die Stimmung war gut. Dann, plötzlich, sagte er: „Mutter, Vater, ich mache mir Sorgen, es ist Zeit, an euer Alter zu denken. Ihr könnt nicht ewig so tun, als ob ihr nie alt werdet." Seiner Meinung nach handelten seine Eltern unverantwortlich, indem sie sich keine Gedanken über ihr Alter machten und lebten, als ob die Jahre nie vergingen. Sie nahmen an Kaffeefahrten teil, besuchten verschiedene Tanzkurse und wenn Deutschland mal zu kalt wurde, flogen sie in den Süden.

Die Sorgen des Sohnes waren nicht nachvollziehbar. Die Eltern waren Mitte siebzig und noch topfit, pflegten eigenhändig ihren Garten, machten Einkäufe und rannten überall hin. Sie lebten nach dem Motto, solange es dir gut geht, genieße dein Leben vollständig und quäle dich nicht mit Zukunftsfragen. Bei Florian dagegen lief alles genau nach Plan. Er plante nicht nur seinen Urlaub Monate voraus, sondern lernte auch die Strecke auswendig; die Sehenswürdigkeiten oder wann und wie lange die Pausen stattfinden sollten.
Florian hatte seine Eltern zu oft auf dieses Thema angesprochen. Genervt sagte seine Mutter, dass er sich darum kümmern solle, wenn ihr drittes Leben ihm so auf dem Herzen liege. Sie kannten ihren Sohn und wussten, dass er sie nie in Ruhe lassen würde, solange sie nicht nachgaben.


Er beauftragte kurz daraufhin einen Architekten, die Küche und die Böden umzugestalten. Der Ofen zum Beispiel wurde etwas höher gestellt, damit seine Mutter sich nicht mehr bücken musste, wenn sie den Braten in die Röhre schieben wollte. Die Stufen wurden durch Rampen ersetzt, damit sie ihre Füße nicht mehr hochheben müssen, falls wegen des Alters ihre Beine schwächer würden. Sein Vater spürte ab und zu Schmerzen in den Knien, so sorgte er schon mal vor.



In diesem Sinne verfolgte unser Informatiker auf der letzten CEBIT-Messe in Hannover einen Vortrag über die Seniorenheime der Zukunft. Mit Hilfe von Internettechnologien und Überwachungskameras sollten die Wohnungen von alten Menschen sicherer ausgestattet werden. Florian schrieb den Namen der Firma auf und nahm nach der Messe Kontakt auf. Mit seinem Vorhaben stieß er auf offene Ohren, denn das Unternehmen suchte ein Haus, um sein Produkt im echten Leben testen zu können.


Das Prinzip war einfach. Das Haus wurde an kritischen Stellen mit Kamera und Sensor aufgestellt. Im Badezimmer, am Eingang, im Keller usw. Es waren intelligente Kameras, die in der Lage waren, verschiedene Gesichtsausdrücke zu erkennen. Verzog man das Gesicht wegen eines Schmerzes, so wurde nach einer bestimmten Zeit die Hausärztin über SMS informiert. Blieb man zu lange auf dem Boden liegen, rief das System das Pflegepersonal.


Die Eltern waren über die Umwandlung, die mit ihrer Wohnung stattfand, nicht sehr erfreut. Aber sie wollten ihren Sohn nicht kränken. Es war für sie trotzdem nicht leicht, mit dem Altwerden konfrontiert zu werden, sich täglich daran zu erinnern, dass sie sich dem Tod näherten.


Mit der Zeit gehörten all die Installationen zu ihrem Alltag. Früher, wenn sie zärtlich zu einander sein wollten, hatten sie einen Blick in die Kamera geworfen und sich lieber in den Parks geküsst. Sie wusste nicht, ob ein Institut heimlich eine Forschung über die Sexualität im hohen Alter machte oder nicht. Als Leute, die den kalten Krieg und seine Spionagegeschichten verfolgt hatten, trauten sie niemandem, trotzdem ignorierten sie mehr und mehr die Kameras.

Auch wenn ihre Wohnung für alte Menschen umgestaltet worden war, fühlten sich Florians Eltern überhaupt nicht alt und beschlossen wieder eine lange Reise in die Südsee zu unternehmen. Wie immer hatte Florian die Aufgabe ab und zu ein Blick in die Wohnung zu werfen und die Blumen zu gießen. So fuhr er eines Tages gleich nach der Arbeit hin. Es war ein arbeitsintensiver Tag. Er war so müde, dass er sich auf das Sofa setzte, nachdem er mit dem Gießen der Blumen fertig war, und sofort einschlief.


Die Kameras registrierten sofort, dass etwas nicht stimmte. Ein fremder Mensch schlief in der Wohnung, während die Eigentümer abwesend waren. Das Programm erkannte und akzeptierte einen Gast nur, wenn die Eigentümer anwesend waren. Und jetzt schlief da jemand. Der Alarm ging im Polizeirevier los. Zur selben Zeit, weil der Mensch unbeweglich war, erhielt das Krankenhaus bzw. ein Krankenwagen eine Meldung. Alle fuhren hin.
Die Kameras erkannten die Polizei, die Türen der Wohnung öffneten sich. Die Polizisten entdeckten einen fest schlafenden Mann. Sie berührten ihn, er wachte erschrocken auf und fragte den Polizisten, was sie in seiner Wohnung machten. Der Polizist entgegnete ihm, dass er ihn genau dasselbe fragen möchte. Florian blinzelte und fuhr sich über das Gesicht, um sich zu vergewissern, dass er nicht träumte. Der Anblick der Polizei und der Ärzte machte ihn völlig ratlos. Sie glaubten ihm zuerst nicht, dass er der Sohn der Eigentümer sei. Dann zeigte er seinen Ausweis. Einige Minuten später zogen sie wieder ab.


Florian war es peinlich. Er schaltete das Überwachungssystem aus und ging nach Hause. Als seine Eltern zurückkamen, lachten sie sich fast tot: „Ich glaube, von uns allen ist unser Sohn derjenige, der alt ist."


Luc Degla