02.03.2009

März 2009


Der Hellseher

Ich sitze in der Mensa und lausche dem Gespräch zweier Studentinnen. Sie unterhalten sich über ihre Probleme, das Studium und alles, was sie noch beschäftigt. Plötzlich höre ich: „Ich möchte gerne einen Hellseher über mein Leben befragen, kennst du jemanden?" Da macht es Tick bei mir.

Ich denke an meinen chronischen Geldmangel, gerade habe ich eine Mahnung der Krankenkasse in meinem Briefkasten gefunden und mache mir Gedanken, wie ich sie begleichen kann. Ich unterbreche die beiden Damen: „Entschuldigung", sage ich, „vielleicht kann ich Ihnen helfen." Überrascht sehen mich die beiden Frauen mit fragendem Blick an. „Ja", fahre ich fort, „ich habe Ihr Gespräch verfolgt. Ich muss zugeben, dass es mir peinlich ist, ihnen zu gestehen, dass ich sie belauscht habe, aber wir sitzen so nah zusammen, dass ich nicht weghören konnte." Die Dunkelhaarige macht ein Handzeichen und zeigt mir, dass sie nichts Schlimmes daran findet, dass ich mein Ohr mitten in ihr Gespräch gehalten habe und fragt, wie ich ihnen helfen könnte. Ich schaue zu ihrer Freundin, sie ist etwas zurückhaltender. Ich teile ihnen mit, dass ich wahrsagen kann. Die Augen der Freundin leuchten. „Ehrlich?" fragt sie. Ich nicke selbstsicher. Als ob sie sich auf einem Förderband befinden, rutschen die beiden zu mir und stellen sich vor. Die Dunkelhaarige, die offener ist, verrät ihren Namen: Nina, und ihre Freundin, schüchterner und ein bisschen mollig mit nicht übersehbarem Busen heiß Sarah. Ihr Interesse, in die Zukunft zu sehen, ist sehr groß. Sie wollen, dass ich gleich loslege. Ich sage ihnen, dass ich eine Vorbereitungszeit brauche. Sie sollen mir ihre Namen auf ein Blatt Papier schreiben. Ich werde mich nach 48 Stunden melden und ihnen sagen, was ihnen in der Zukunft blüht. Mit einer Haltung, die bedeutet, dass sie die Wahl haben, sage ich ihnen, dass ich hundert Euro pro Person nehme. „Das ist in Ordnung!" rufen die beiden, nachdem sie sich mit einem Blick verständigt haben.


Sie schreiben ihre vollständigen Namen auf das Blatt, ich nehme es entgegen und stecke es in meine Tasche, nachdem ich es mit einem Zauberspruch und einem Ritual gefaltet habe.
Ich gucke auf meine Uhr und sage, dass ich zur Vorlesung muss. „Wir sehen uns in zwei Tagen." Die beiden betrachten mich hingebungsvoll mit großer Bewunderung.


Am Abend gehe ich ins Internet und rufe die Seite von StudiVZ ab. Ich gebe die Namen ein und suche nach der passenden Seite. Ich bin gespannt, aber meine Tollkühnheit hat sich gelohnt. Nina und Sarah haben vieles über sich verraten und dort niedergeschrieben. Ich studiere die Seiten genau. Wer sich und wie oft eintragen hat und was geschrieben wurde.


Auf der Seite von Sarah hat sich ein junger Mann namens Tobias sehr häufig eingetragen. Er hat fast jeden Tag seine Grüße auf der Pinnwand niedergeschrieben. Sarah hat keinen Freund und beklagt sich im Forum darüber. Dann schaue ich bei Facebook und finde die gleichen Informationen.

Anschließend google ich weiter. In Google finde ich Informationen über die Eltern. Sarahs Vater ist Architekt und hat an verschiedenen Großprojekten der Stadt Braunschweig mitgearbeitet, und die Mutter von Nina ist sehr aktiv in der Kirchengemeinde, Papa Pressesprecher eines Konzerns.
Dieses Mal verabrede ich mich mit den beiden Frauen in einem Park. Sarah, die Männerprobleme hat, erzähle ich, dass ich gesehen habe, dass ein junger Mann in sie verliebt sei. Leider antworte sie nicht auf seine Avancen. Neugierig fragt sie, um wen es sich handele. Ich zögere kurz, kneife die Augen zu, setze eine ernste Miene auf und sage: „Denk nach bitte." „Ich sehe niemanden ... niemanden", erwidert sie und läuft völlig verwirrt vor mir hin und her. Nina ruft: „Denk mal nach, Sarah!" Sarah findet niemanden, den ihr den Hof gemacht hätte. Dann sage ich: „Ich sehe verschwommen einen Namen. Kennst du... einen B.... Björn?" „Björn!" ruft sie laut, „er gefällt mir überhaupt nicht." „Wieso denn nicht?" frage ich zurück. „Na ja, er ist nett, aber sein Körper gefällt mir nicht." „Was willst du?" frage ich, „du beklagst, dass du einen Freund suchst. Der Kerl ist total in dich verliebt und du sagst, dass er dir nicht gefällt. Ich sehe in der nahen Zukunft keinen anderen Mann. Die Sterne sagen, dass deine Probleme damit zu tun haben, dass du zu viel Kummer hast. Du machst dir zu viele Sorgen, weil du keinen Freund hast."

Sarah ist still und sichtlich nachdenklich geworden. Dann fragt Nina, was mit ihr sei. „Bei dir sehe ich kein Beziehungsproblem. Dein Freund liebt dich wahnsinnig." Lächelnd nickt sie. Ich fahre fort. „Du musst dich besser mit deinem Bruder vertragen. Ich glaube, dass er der Liebling deiner Eltern ist." „Ja", sagt sie. Das ist stark. Ich mag meinen Bruder nicht. Er ist ein Klugschießer." Da sie eine unruhige Frau ist, sage ich ihr, dass sie sich zu viel unter Druck setze. Selbst kleine Probleme seien für sie immer große. Sie soll geduldig, ruhig, und der Zukunft ein bisschen relaxt entgegen sehen. Weil ich in Google gesehen habe, dass ihr Vater Pressesprecher ist, teile ich ihr mit, dass ihre berufliche Zukunft sicher sei. Eine große Karriere stehe für sie bevor. Sie wird auch nachdenklich, und wir laufen alle drei schweigend durch den Park. „Das war es?" fragt Sarah plötzlich. Ich erzähle ihnen, wie sie das Leben verwalten müssen und weitere Dinge, die alle ungenau sind. Zufrieden geben sie mir je die Hundert Euro. Ich flitze zur Bank und zahle das Geld ein. Meine Versicherung ist gerettet.


Zwei Tage später ruft mich Sarah an. Sie hat Björn zum Frühstück eingeladen und ist seitdem sehr glücklich. Daraufhin erzählt sie mir, dass ich auch die Zukunft für ihre Mutter voraussagen soll. Sie habe ihrer Mutter von meiner Gabe erzählt, die Mutter sei sehr interessiert. Sie sagt mir gleich den Namen. Ich tippe den Namen ein und google nach. Ich finde nichts. Ich schaue im Facebook, meinStudivz und überall. Nichts. Weiß jemand zufällig etwas über Frau Niemer?

Luc Degla