31.01.2009

Januar 2009


Der Journalist und die Schreibmaschine

Ich hatte mich in Lome (Togo) mit einem Journalisten in der Redaktion seiner Zeitung verabredet und kam etwas früher an. Im Warteraum beobachtete ich den Betrieb.

 

In einem Rechner arbeiteten zwei Mitarbeiter, der eine schrieb und der andere hatte seinen Blick fest auf den Bildschirm gerichtet. Sie diskutierten, hielten nachdenklich inne und setzten ihre Tätigkeit fort. Ab und zu wurden sie von anderen Kollegen unterbrochen, die Bilder oder E-Mails abrufen wollten. Auf dem Boden standen zwei ausrangiert Computer, die anscheinend kaputt waren. Der Journalist und Chefredakteur erschien. Er grüßte mich und deutete auf den Computer: „Das ist das einzige Gerät, das in diesem Büro funktioniert." Er erzählte, dass ein Händler ihm vor kurzem Mist verkauft hatte und zeigte auf die beiden Computer auf dem Boden.

Ein Händler hatte gebrauchte Schreibmaschinen aus Europa importiert und der Zeitung verkauft. Da er sich mit ihm gestritten hatte, versuchte er mich für die Beschaffung seiner Arbeitsgeräte zu gewinnen. Wir waren uns einige Tage zuvor begegnet, und nachdem er festgestellt hatte, dass ich in Deutschland lebte, hatte er mir gegenüber seinen Wunsch geäußert, mich noch mal zu treffen.

„Folgen Sie mir bitte", sagte er und ging zu einer Tür. Nach leichtem Widerstand ließ sich den Schlüssel im Schloss herumdrehen. Der Journalist öffnete die Tür und verscheuchte einige Spinnen, indem er ihr Gewebe zerstörte. Ich betrat den Raum und sah viele Schreibmaschinen, die eine neben der anderen auf einem Regal standen. Wenn der Raum nicht voller Staub und Spinnweben gewesen wäre, hätte man annehmen können, dass man sich in einem Laden befand, wo die Maschinen zum Verkauf angeboten worden. Man konnte die Entwicklung der Schreibmaschinen verfolgen; von rein mechanischen Modellen bis zu elektronischen. Viele große Marken waren Modell nach Modell und Baujahr nach Baujahr nebeneinander: Triumph, Adler, Privileg, Olympia, Olivetti, Brother usw.

Der Journalist wusste anscheinend nicht, welchen Schatz sein Abstellraum barg. Er klagte, dass den Mitarbeitern seiner Zeitung Schreibmaschinen fehlten. Bis vor einigen Jahren hatte der Händler ihm regelmäßig gebrauchte Schreibmaschinen verkauft. Was in Europa nicht mehr modern war, wurde billig nach Afrika verschoben. Damit wurde gearbeitet, bis Ersatzteile, wie zum Beispiel Bänder nicht mehr lieferbar waren. Dann kaufte er „neue" wieder, die in Europa ausgemustert waren. „Alles ging problemlos", sagte er, bis der Händler ihm mitteilte, dass er keine gebrauchten Schreibmaschinen mehr liefern konnte. Der Computer hatte seinen Einzug in die europäischen Büros gehalten. Da seine europäischen Kollegen nun auf Computer schrieben, forderte er einige Jahre später den Händler auf, ihm gebrauchte Rechner zu besorgen.

Nun war er von der Entwicklung der Technik enttäuscht. Obwohl er damals ältere Schreibmaschinen benutzt hatte, konnte er mit anderen Pressagenturen und Zeitungsredaktionen kommunizieren. Geschrieben wurde auf Papier, das per Post zugesandt wurde. Mit alten Rechnern konnte er mit der Welt nicht mehr kommunizieren. Er brauchte Internet und dieselbe neue Software, um mit seinem Grafiker und anderen Content-Lieferanten Daten austauschen zu können, und das war jetzt sein Problem.

Er musterte mich und legte mir die Hand auf die Schulter: „Kann ich in Europa keinen gebrauchten Computer finden, der genauso gut wie ein neuer ist?" Ich schüttelte den Kopf und antwortete: „Leider nicht. Sie müssen im digitalen Zeitalter dieselben Rechner besitzen. Die Systemanforderungen sind weltweit die gleichen." „Was soll ich machen?" fragte er, „mein Budget ist sehr begrenzt." Ich zuckte mit den Achseln: „Sie werden wohl bei denselben Händlern wie ihre europäischen Kollegen ihre Arbeitsgeräte kaufen müssen."

Luc Degla