02.06.2009

Juni 2009


Der Mann auf der Flucht

Faradah war ein Mann voller Geheimnisse. Sein Name, seine Geburt, seine Vorlieben, seine Herkunft, alles blieb seiner Umgebung verborgen. Man vermutete, dass er aus dem Libanon stammte. Andere dachten aus Australien oder aus Lateinamerika. Auch wenn die Nachbarn sich mit ihm abgefunden hatten, ließ sie das Gefühl nicht los, mehr über ihn erfahren zu wollen. Er besuchte niemanden und niemand besuchte ihn. Nicht mal in den umliegenden Restaurants und Imbissen hatte er je gegessen. In seinem Haus herrschte Ruhe. Nur die Bäume im Garten bewegten sich und raunten im Wind.

Herr Faradah war seltsam und geheimnisvoll, und so profitierte ein Nachbar von den Unsicherheiten nach dem 11. September 2001, um etwas über ihn zu erfahren. Er rief bei der Polizei an und meldete, dass ein potenzieller Schläfer in der Nachbarschaft wohne. Der Dienstpolizist registrierte alles und legte auf. Es passierte nichts weiter. Nichts bis zu dem Tag, an dem die Nachbarn aufwachten und ein leeres Grundstück an der Stelle seines Wohnsitzes vorfanden. Das Haus war über Nacht verschwunden. Die Leute glaubten ihren Augen nicht zu trauen. Alles, was sich auf dem Grundstück befand, war weg: das Haus, die Bäume, usw. nicht ein einziger Stein war zurückgeblieben. Herr Faradah verschwand, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Nach so einem Ereignis braucht das Volk eine Erklärung, meinten die Journalisten und machten sich auf die Suche. Wenn sie nicht wussten, was sie berichten sollten, erfanden sie Theorien oder befragten die Experten, die ihnen beim Spekulieren halfen.

Nur einer kannte die Wahrheit. Das war ich. Ich behielt aber lieber alles für mich. Herr Faradah hatte für den Geheimdienst gearbeitet und sich mit seinem Chef gestritten. Er war der Leiter der Abteilung für informatische Aufklärung und leitete ein Team, das dafür zuständig war, Spionagesoftware zu entwickeln, um Computer andere Regierungen zu infizieren und dadurch Informationen zu beschaffen. Die Zeiten, als Agenten Wanzen installierten, schien vorbei zu sein. Mit Spionagesoftware riskieren die Regierungen nicht mehr, ihre Agenten umbringen zu lassen.



Herr Faradah war weltweit einer der besten Programmierer. Er kam unerwartet zum Geheimdienst. Er suchte eine anspruchsvolle Stelle und sprach darüber während einer Pressekonferenz. Sein Chef verfolgte das Gespräch, lud ihn zu sich ein und machte ihm den Vorschlag, für den Staatschutz zu arbeiten. Er nahm das Angebot ohne zu zögern, an. Er war schon seit seiner Kindheit ein Einzelgänger und die Vorstellung tagelang Wege zu finden, um die Abwehr anderer Computer zu knacken, hatte ihn begeistert. Gleichzeitig war ihm die Machstellung, die er innehatte, bewusst. Er wusste, dass er in der Lage war, über Krieg und Frieden zu entscheiden. Wie würde der Regierungschef reagieren, wenn er falsche Truppenbewegungen meldete oder wenn er eine E-Mail mit einem falschen Inhalt lieferte?

Die Arbeit wurde so effizient, dass sie die Computer wichtiger sowie unwichtiger Regierungen auf der ganzen Welt durchsuchten. Das Team bekam den Spitznamen „Leuchtturm", weil es die Regierung durch die Dunkelheit der Meere lotste.

Mit der Zeit genügte es Herrn Faradah nicht mehr, die Computer der ausländischen Regierungen zu durchsuchen. Er begann, die von beliebigen Bürgern, die er wahllos im Internet aufgriff, zu erforschen. Er verfolgte, mit wem sie chatteten. Es machte ihm manchmal Spaß etwas zwischen die Zeilen zu schreiben. Schrieb zum Beispiel einer: „Ich habe dich lieb" fügte er in den Satz die Worte „überhaupt nicht ..." ein. Und so las die andere: „Ich habe dich überhaupt nicht lieb." Woraufhin die beiden Korrespondierenden sich zu streiten begannen: „Ich habe dieses Wort nicht geschrieben!" „Doch, wer soll es denn sonst gewesen sein?"

Wie ein unsichtbarer Geist lachte er. Er konnte ihre E-Mails lesen und Anhänge öffnen. Nachdem die einfachen Bürger anfingen, ihn zu langweilen, begann er die Computer der eigenen Regierungsmitglieder zu durchleuchten. Das war ihm ausdrücklich in seinem Vertrag verboten, aber er setzte sich darüber hinweg. Er war der Einzige, der seine Technik verstand und beherrschte. Er fühlte sich unentbehrlich, unantastbar und sehr wichtig für die Regierung. Eine Art Größenwahn erfasste ihn. Er erkannte nicht mehr seine Grenzen und machte immer weiter.


So stellte er fest, dass ein Minister eine besondere Sammeleigenschaft besaß. Er speicherte gerne die Nacktfotos seiner Geliebten auf seiner heimlichen Festplatte. Hätte M. Faradah sich nur mit dem Anschauen begnügt, würde keiner dahinter kommen. Er, der nie Frauen zu Hause empfing, hatte plötzlich den Wunsch, die Fotos herunterzuladen. Ein fataler Fehler. Ihm wurde auf der Stelle gekündigt. Er schwor Rache und teilte, in seiner Wut, seinem Vorgesetzten mit, dass er auch seinen Computer besucht hatte. Der Vorgesetzte versprach, ihn von der Erdoberfläche verschwinden zu lassen. Das eindeutige Zeichen bekam er mit dem Verschwinden seines Hauses.

Er wusste, dass er nie überlebt hätte, wenn er im Land geblieben wäre. Aus diesem Grund hatte er sein Leben über die Grenze gerettet, bevor das Abrisskommando aufgetaucht war, um das Haus zu zerstören. Er kannte die Methoden und wusste, dass man von einer Gasexplosion gesprochen hätte.

Das einzige, was ihm blieb, waren seine Fähigkeiten. Statt Regierungscomputer zu infizieren, entdeckte er ein sehr lukratives Betätigungsfeld für sich. Er brauchte Geld, um in der Fremde überleben zu können. Er infizierte den Rechner einer Bank mit einer seiner Spionagesoftwares, die er mitentwickelt hatte. Die Software sorgte dafür, dass von jeder Überweisung, die getätigt wurde, 30% der Kommastelle auf sein Konto überwiesen wurden. Überwies ein Bankkunde einen runden Betrag, so wurde nichts abkassiert. Wer achtet schon so genau auf die Kommastelle auf einem Kontoauszug? Er sah sich als einen digitalen James Bond. Wenn er heute noch am Leben ist, dann lebt er sicherlich sehr gut.

Luc Degla