02.02.2009

Februar 2009


Der Wettlauf

Während seines Wahlkampfs versprach der Bürgermeisterkanditat eine Nulltoleranz gegenüber Rowdys, Taschendieben, Bettlern und allen möglichen unerwünschten Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben müssen oder wollen. Seine Botschaft kam an. Er wurde mit einer überwältigenden Mehrheit gewählt. Der Bürgermeister schaffte es, den Menschen mehr Vertrauen zu geben, indem er die Polizei dazu verdonnerte, mehr Präsenz zu zeigen.

Man brauchte nur „Hilfe!" zu rufen und prompt war ein Ordnungshütter zur Stelle. Es war schön und viele waren erstaunt, wie schnell die Lage sich verbessert hatte. Allein die Nennung seines Namens sollte jeden kleinen Dieb zittern lassen. Und so freuten sich die Wohnungseigentümer, die Ladenbesitzer und Händler. Die Omas trauten sich wieder mit baumelnden Handtaschen durch die Innenstadt zu gehen, und die Damen trugen wieder teure Schmuckstücke und stolzierten durch die Gegend. Die Freiheit, ihr Vermögen zur Schau zu stellen, brachte die Leute auf merkwürdige Gedanken. Zum Beispiel forderte eine Gruppe von autonomen Käuferinnen den Bürgermeister auf, Kopfsteinpflaster durch einen glatten Boden zu ersetzen, damit sie Schuhe mit hohen Absätzen tragen können.
Wie immer gibt es im Leben bei einer neuen Situation nicht nur Zufriedene. Die Diebe und Bettler konnten sich darüber nicht freuen, dass es zu solchen Engpässen gekommen war, und fingen an, an einer Lösung zu tüfteln. Die Polizisten waren auch unglücklich. Früher saßen sie in warmen Büros und warteten auf Notrufe, jetzt mussten sie den ganzen Tag lang durch die Straßen und Gassen laufen und laufen. Die Beine taten ihnen am Feierabend weh. Die Kollegen, die im Büro zurückblieben, hatten viel mehr zu tun. Ihre Unzufriedenheit kam zu einem Höhepunkt, als die Diebe plötzlich eine Lösung für ihre Notlage fanden und sich organisierten. Sie teilten sich in zwei Gruppen. Die eine Gruppe inszenierte Randalen auf einer Seite der Innenstadt, die Polizei musste mit mehr Personal vorrücken, während die andere sich an die Taschen der Damen ranmachte. Sogar teure Uhren wurden manche Menschen sacht vom Arm entfernt. Es war traurig anzusehen, wie ein bärenstarker Mann heulte, weil ihm seine Porsche-Uhr entwendet worden war.
„Wir sind nicht in der Lage die Politik der Nulltoleranz durchzusetzen", sagte der Polizeichef im Radio. Er forderte die Landesregierung auf, mehr Polizisten einzustellen. Zwar ging die Zahl der Taschendiebe in der Innenstadt zurück, aber die Zahl der Einbrüche in der Vorstadt stieg kontinuierlich. Es war ein Paradox, je mehr der charismatische Bürgermeister den kleinen Kriminellen den Krieg erklärte, desto mehr wurde sie angezogen und herausgefordert.
Da kam der Bürgermeister auf eine neue Idee. Er beschloss in der Innenstadt Kameras zu installieren, damit alles rund um die Uhr überwacht werden konnte. Die Installationskette war so, dass eine Kamera den hinteren Teil einer anderen überwachen konnte, lückenlos.

Die Polizisten wurden von den Straßen geholt und wurden Bildschirmgucker. Sie glotzten, bis die Augen ihnen wehtaten. Je länger die Dienstzeit wurde, desto mehr nahm die Konzentration ab. Außerdem waren die Bürger weniger vorsichtig, sie passten nicht mehr auf und verließen sich auf die Kameras. Sie dachten, die würden schon für die Sicherheit sorgen. Folglich nahm die Zahl der Taschendiebe wieder zu. Die kleinen Verbrecher waren schnell, manchmal wurden die Polizisten erst aufmerksam, wenn das Opfer anfing, zu schreien. Man brauchte dann nicht nur mehr Polizisten vor den Bildschirmen, sondern auch auf der Straße, die gleich eingreifen konnten oder die die Datenflut auswerten konnten.
„Viel zu viel Daten", klagte der Polizeichef. Wir brauchen Jahre, um die Videoaufnahmen zu bearbeiten, rief er den Medien zu. Und da meldete sich ein Institut der Fraunhofer-Gesellschaft und schlug dem Bürgermeister eine neue Generation von Kamera vor. Das IITB-N.E.S.T-System. N.E.S.T stand für „Network Enabled Surveillance and Tracking". Definierte Überwachungsaufgaben sollten autonom durchgeführt werden und das Sicherheitspersonal erhält eine automatisierte Unterstützung bei der Lageeinschätzung.
Konkret erklärte der Mitarbeiter des Instituts in seinem Vortrag, dass es nicht mehr auf die Zahl der Kameras ankommen würde, sondern auf die Aufgabe. Man könnte den Kameras vorgeben, nur die Leute zu prüfen, die unaufhörlich hin und her gehen, oder die ihre Hand die ganze Zeit ausgestreckt haben. Würde ein Bettler einmal seine Hand hinhalten, würde er verfolgt. Oder stupst einer einen Passanten, würde er von Kamera zu Kamera überwacht.
Als diese Meldung durch die Presse ging, überlegte der Chef der Banditen, einen Weg zu finden, um wenigsten für zehn Minuten den Strom in der Innenstadt auszustellen, damit die Kameras ausfallen. Und so würde der Wettlauf zwischen dem Bürgermeister und seinen Banditen weitergehen.

Luc Degla