02.02.2010

Lucs Kolumne


Die Freiheit im Jahr 2010

„Wegen der Sicherheitsmaßnahmen am Flughafen müssen Sie viel früher losfahren", sagt der Reisebüro-Mitarbeiter zu Liliana, während er im Rechner nach der gewünschten Flugverbindung sucht, um ihr ein Ticket auszustellen. Daraufhin beginnt eine Diskussion über den Sinn und die Gründe aller Vorkehrungen, die immer wieder getroffen werden, sobald ein Attentat vereitelt oder ausgeübt wird. Das Leben der Bürger werde nur noch umständlicher und so glauben sie, dass die Terrororganisationen mehr oder weniger ihre Ziele erreichen.

Wenn eine Terrororganisation Menschen entführt und dadurch versucht aus irgendeinem Grund den Staat zu erpressen, verkünden die Politiker laut, dass der Staat nicht erpressbar sei. Aber nun befinden sich die Bürger zwischen zwei Fronten, die ihnen das Leben in indirekter Zusammenarbeit unangenehm gestalten. Zieht einer die Schlinge enger, so zieht der andere gleich nach.

Liliana und der Reiseverkäufer wissen, wovon sie reden. Bis vor kurzem war nur von der Untersuchung der Reisenden die Rede gewesen, aber nachdem befürchtet wurde, dass Terroristen aus der Ferne auf Passagierflugzeuge schießen könnten, wurde beschlossen einen Sicherheitsring von 5 km um den Flughafen einzurichten. Aus diesem Grund werden an der Einfahrt die Passagiere, ihre Begleiter, die Autos, die Taxen, die Flughafenmitarbeiter, die Lieferwagen, die Haustiere usw. untersucht. Dann werden die Passagiere vor dem Einstieg ins Flugzeug noch mal durchsucht. Fliegen ist so kompliziert geworden, dass neue Geschäftsfelder entstehen. Viele Reisebusunternehmen schlagen neue Ziele vor: Tunesien, Marokko, Ägypten, Griechenland und die Türkei sollen mit dem Bus bereist werden.
Liliana muss fliegen, sie weiß nicht, wie sie sonst nach San Francisco zur Hochzeit ihres Bruders reisen könnte. Sie ist bereit die Strapazen, die eine Flugreise mit sich bringt, auf sich zu nehmen und sitzt nun im Reisebüro. Während des Gesprächs findet der Reiseverkäufer eine günstige Verbindung, Liliana freut sich und bezahlt dankend.
Am Reisetag stellt sie ihren Wecker sehr früh. Das Aufstehen ist nicht leicht gewesen, die Vorstellung im Flieger den Schlaf nachholen zu können, tröstet sie ein wenig. Sie geht ins Badezimmer, zieht sich danach an, bestellt ein Taxi und macht sich auf den Weg zum Flughafen.

In der Morgendämmerung stoßen sie auf eine erste unerwartete Absperrung. Der Taxifahrer ist überrascht und sagt fast flüsternd: „das ist aber neu!" Das Auto wird angehalten. „Guten Tag. Ausweiskontrolle, bitte zeigen Sie uns Ihren Ausweis!" Der Sicherheitsbeamte stellt fest, dass der Fahrer ausländischer Herkunft ist, und fragt ihn, ob er einen Führerschein besitze. „Wie kann ich keinen Führerschein besitzen, wenn ich Taxi fahre?", fragt der zurück. Der Beamte antwortet nicht und verlangt alle Dokumente, die er verlangen kann: Fahrzeugschein, Führerschein, Aufenthaltsgenehmigung und Personenbeförderungsschein. Der Taxifahrer händigt alles aus. Der Beamte schaut sich alles an, gibt die Daten über Funk weiter und reicht die Papiere zurück. Dann bittet er Liliana ihm ihren Ausweis und das Flugticket zu zeigen. Nach einer Weile können Liliana und der Fahrer ihre Fahrt fortsetzen. Dann kommen sie an die 5-km-Absperrung. Dort muss Liliana aussteigen, ihr Gepäck in die Hand nehmen, durch eine Kontrollschleuse laufen und auf der anderen Seite wieder in dasselbe Taxi steigen, nachdem der Fahrer mit einem leeren Wagen durch eine andere Schleuse gefahren ist und den Koffer erneut eingeladen hat.

Nach all diesen Kontrollen sind in der Flughalle nur noch die Kinder fröhlich. Während sie über die Koffer springen und spielen, wischen die Eltern sich misslaunig und wortlos den Schweiß ab, den sie durch das Abladen, das Tragen und das Wiedereinladen des Gepäcks ins Auto, bekommen haben.

Liliana geht gleich zum Schalter, wo sie ihren Koffer abgibt. Sie erhält ihren Bordschein und macht sich auf den Weg zum Gate. Davor muss sie sich noch einer letzten Durchsuchung unterziehen. Die Handtasche und der Körper werden durchsucht. Sie stellt sich in die Schlange. Die Reisenden passieren erneut eine Schleuse, nachdem sie vorher Schuhe, Mantel und Gürtel ausgezogen haben. Jetzt ist Liliane dran. Ein Sicherheitsdienstmitarbeiter bittet sie ihren Schmuck abzunehmen. Seine Kollegin interveniert und sagt, dass Liliana das nicht brauche. Der Kollege fragt völlig irritiert warum. Sie antwortet ihm, dass eine Frau ihr Diamantarmband nicht mehr gefunden habe, nachdem sie es abgenommen und die Schleuse passiert habe. In der Zeit, wo sie durchsucht wurde, sei der Schmuck von dem Band verschwunden. Also herrschen seit einer halben Stunde neue Vorschriften. Die Passagiere dürfen Uhren und Schmuck bei sich am Körper behalten. Frustriert von den vielen Anweisungen, die sich ständig ändern, bedeutet der Mitarbeiter Liliana weiter zu gehen. Da stutzt sie, hinter dem Bildschirm des Nacktscanners sitzt ein Nachbar. Liliana freut sich im Allgemein über Nachbarn, denen sie in der Stadt begegnet, aber nicht über denjenigen, der gerade da hinter dem Bildschirm sitzt. Er hat ihr vor einigen Monaten sehr aufdringlich den Hof gemacht. Sie hat ihm sogar mit einer Anzeige wegen Belästigung gedroht, wenn er mit seiner Annährungsversuchen nicht aufhöre. Sie dreht sich um und verlangt, dass sich ein anderer Mensch hinter den Bildschirm setzt. Der Leiter der Kontrollstelle teilt ihr mit, dass diese Aufforderung gegen die Sicherheitshinweise sei. Sie könne nicht bestimmen, wer sie kontrollieren dürfe. Die Mitarbeiter werden nach einem Zufallsprinzip ausgesucht und täglich gewechselt. Man würde lediglich die Objekte sehen, die sie mit sich trage. Nur die Brust werde extra von einer heterosexuellen Frau betastet, falls sie ein Silikonimplantat habe.

Konsequent dreht sich Liliana um und storniert ihre Reise.

Luc Degla