07.12.2008

November 2008


Digitale Partnervermittlung

Melanie hatte weder Mann noch Freund. Etwas, das sie ständig in Depressionen versetzte. Ihre WG-Mitbewohnerinnen, Miriam und Nurah, trugen die Last ihres Zustandes. Sie war eifersüchtig, wenn ihre Freunde zu Besuch kamen und ärgerte sich über Lappalien. Die beiden beschlossen für sie, zu ihrem dreißigsten Geburtstag, einen Partner zu suchen.

 

Sie setzten eine Kontaktanzeige in die Zeitung und organisierten eine Überraschungsparty, zu der nur Männer eingeladen wurden. Sie wurden gleich an der Tür mit einer Polaroid-Kamera fotografiert. Anschließend wurden die Fotos auf einer Pinnwand aufgehängt.

Um Mitternacht klingelte es an der Tür. Melanie erschien, begleitet von ihren Eltern, die eingeweiht waren und sie den ganzen Abend bei sich aufgehalten haben. Die Mitbewohnerinnen verbanden ihr die Augen in der Flur. Nachdem die Männer sich im Wohnzimmer im Kreis sich aufgestellt haben, wurden ihr die Augen entbunden. Sie schrie vor Schreck. Sie hatte auf einmal die Wahl zwischen 35 Männern. Sie bekam zusätzlich die Schreiben der Männer, die auf ihrer Anzeige reagiert hatten, in die Hand. Sie hatte den ganzen Abend Zeit um sich für einen Mann zu entscheiden. Falls sie sich nicht trauen sollte jemanden anzusprechen, wurde vereinbart, dass sie das Foto des Auserwählten von der Pinnwand nahm und einer ihrer Freundinnen aushändigte. Sie würde dann den Mann ansprechen.

Vier Stunden passierte nichts. Die Party ging zu Ende und Melanie fand unter den Gästen keinen Mann, der ihrem Geschmack entsprach. Die Antwortbriefe auf die Kontaktanzeige sagten ihr auch nichts. Ihre Freundinnen waren enttäuscht. „Sollen wir für sie eine Anmeldung zu einer Partnerbörse im Internet schalten?" fragte Nurah. Die beiden fanden, dass solch eine Anmeldung nichts bringen würde, weil Melanie auch aktiv werden musste. Da kam Georg, der Freund von Miriam, auf die Idee, Melanies Kleid zu präparieren und sie zur Weihnachtsparty seiner Firma einzuladen. Als Informatiker forschte er über die menschlichen Sinnesorgane. Die Firma wollte Roboter entwickeln, die menschliche Gedanken interpretieren und Befehle ausführen können. Der Einsatz von solchen Robotern war für die Anwendung bei Kranken gedacht. Aber Georg hatte dank Melanie eine andere Anwendung für die Sensoren gefunden. Die Chips konnten Gefühle ermitteln und Impulse an spezielle Handys senden, je nachdem, was man empfand. Ärgert man sich zum Beispiel über eine Person, senden die Sensoren bestimmte Frequenzen. Genauso emittieren sie verschiedene Frequenzen, wenn man jemanden sympathisch findet oder nicht. Die Handys waren noch nicht auf dem Markt. In der Firma benutzten die Mitarbeiter Prototypen für die Versuche.

Heimlich befestigte Georg die Chips an Melanie Kleid. Miriam hatte vorher herausgefunden, welches Kleid sie am Abend tragen würde. Auf der Party schlug ihr Herz ziemlich schnell für zwei Kollegen von Georg, Jonas und Tom. Was die beiden natürlich auf ihrem Gerät registrierten. Jonas lud sie als Erster zum Tanzen ein. Schüchtern lehnte sie ab. „Ich kann nicht tanzen", sagte sie. Darauf schwieg er verloren. Er hatte nicht erwartet, dass sie seine Einladung ablehnen würde, obwohl sein Display ihm gezeigt hatte, dass er ihr gefiel. Tom war schlauer. Er kam und fragte sie, ob sie noch etwas zu trinken möchte. Sie nickte. Er konnte mit ihrer Schüchternheit umgehen, er fragte sie, ob sie bereit wäre, ihn nach draußen zu begleiten. Er möchte gerne an die frische Luft. Melanie war damit einverstanden und die beiden verließen den Raum. Sehr zum Ärger von Jonas, der sich unterlegen fühlte.
Da Georg alle seine Kollegen über die Empfindlichkeiten Melanies unterrichtet hatte, ging Tom behutsam mit ihr um. Er fragte sie nach ihren Interessen, nach ihrem Beruf usw. Sie wurde gesprächig, weil sie feststellte, dass jemand sich für sie interessierte. Sie liefen in der kalten Nacht durch die Allee. Sie ließen die Party hinter sich und hörten die Musik nur noch von weitem. Jonas hoffte, dass die beide schnell zurückkämen und wurde von Minuten zu Minuten enttäuschter. Er stellte sich vor, wie der erste Kollege Melanie irgendwo in der Dunkelheit umarmen würde und kochte schon vor Eifersucht.

Draußen sagte Tom nichts über eine Freundschaft oder eine Beziehung. Er schaute nur auf sein Display und sah, wie ihr Pulsschlag stärker wurde, und schaffte auf der Stelle eine Verabredung mit ihr zu machen.

Als sie zurückkamen, atmete Jonas einmal tief durch. Dann schaute er auf seinen Gerät und stellte fest, dass er kein Signal mehr empfing. Er wurde sozusagen deklassiert.

Zu Hause erzählte Melanie ihren Freundinnen von ihrem Gespräch und der anschließenden Verbredung mit Jonas. Sie hatte gute Laune und wurde plötzlich erträglich. Miriam bedankte sich bei ihrem Freund.

Drei Tage später kam Melanie völlig enttäuscht nach Hause. Sie hatte Tom getroffen. Er gefiel ihr schon, aber sie wollte nicht mehr mit ihm ausgehen. Sie fand es schlecht, dass er noch bei seinen Eltern wohnte. „Dann zieh aus und ihr mietet eine gemeinsame Wohnung!" schrie Nurah wütend, „wenn du so weiter machst, findest du niemals einen Mann."

Luc Degla