02.09.2009

September 2009


Ein Handschuh für Handys

Ich möchte gerne an der diesjährigen Erfinder-Messe in Benin teilnehmen und mache mir Gedanken über das Gerät, das ich für dieses Land erfinden könnte. Dafür beschließe ich, einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Eine Sensation kann ich nur hervorrufen, wenn ich etwas vorstelle, dass die Mehrheit der Bevölkerung braucht.

Von Luc Degla

Ich beobachte, wie ein Mann mit einem Telefon am Ohr, mit der zweiten Hand gestikulierend, redet. Trotz der Hitze trägt er einen Anzug, dessen Jacke eine Reihe von mehreren Handys an seinem Gürtel bedeckt.

Die an seiner Hüfte befestigten Handys erinnern an die Patronen eines Jägers. Er beendet sein Gespräch und setzt seinen Weg fort. Ich folge ihm und betrete mit ihm eine Kneipe. Ich setze mich unweit seines Platzes und bestelle ein Getränk.

Um sich wohl zu fühlen, nimmt er die Handys von seinem Gürtel und legt sie in einer Reihe auf den Tisch. Er bestellt auch ein Getränk, er scheint auf jemanden zu warten.

Ich mache ihm ein Zeichen und frage ihn, während ich auf die Geräte deute, wozu er so viele braucht. Fünf Handys insgesamt. Meine Frage wundert ihn. Ich sage ihm, dass ich im Urlaub bin und dass ich seit fünfzehn Jahre nicht mehr in die Heimat gereist bin.

Er lacht und entgegnet, dass es kaum einen Beniner gibt, der nur ein einziges Handy besitzt. Er wirft einen Blick um sich herum und zeigt mir einen Tisch hinter uns, einen anderen rechts, links und vorne.

Dabei amüsiert ihm meine Reaktion. Frauen sowie Männer haben mehrere Handys, einige zwei, drei oder fünf. Sie haben alle ihre Geräte, eins neben das andere, vor sich hingelegt.

„Wieso so viele Handys?" frage ich nochmal, „reicht nicht eins?" Der Mann erzählt, dass fünf Mobilfunkbetreiber im Land aktiv seien. Die Gebühren für die Interconnection zwischen den Betreibern sind so hoch, dass die Leute SIM-Karten von allen Betreibern kaufen.

Dazu kommt, dass die Netze nicht überall verfügbar sind. In manchen Stadtteilen ist der Empfang sogar sehr schlecht. Also, wer einen Freund anrufen will, ruft ihn nur innerhalb desselben oder des verfügbaren Netzes an.

Statt die Mobilfunkbetreiber unter Druck zu setzen und sich für den besten Anbieter zu entscheiden, pilgern die Konsumenten von einem Betreiber zum nächsten, ohne sich vom Ersten zu trennen. Er erklärt mir die Besonderheiten des Telefonierens in Benin.

Während sich in Deutschland der Prepaid-Nutzer zwei Jahre lang über sein Handy anrufen lassen kann, ohne dass sein Gerät gesperrt wird, sind die beninischen Handynutzer gezwungen spätestens alle zwei Monate Guthaben zu kaufen, sonst wird die Nummer gesperrt, selbst wenn das Handy Guthaben hat.

Gut, dass wir in Deutschland einen guten Verbraucherschutz genießen, denke ich. Wir fangen an, uns zu unterhalten. Er stellt Frage über Deutschland. Er vergleicht die Telefongebühren und stellt fest, dass es etwas teurer ist, in Benin zu telefonieren.

Plötzlich klingelt eines seiner Handys. Er entschuldigt sich, nimmt das Handy in die Hand und schaut dabei auf die Nummer, die im Display erschienen ist. „Mist!" sagt er und legt das Gerät auf den Tisch zurück.

Das Handy klingelt noch ein paar Mal. Er bemerkt, dass der Lärm uns stört. In einem Tonfall, als ob er bedauert, dass das Handy klingelt, teilt er mir mit, dass es sich um eine Ex-Freundin handelt, die nicht verstehen möchte, dass er nichts mehr von ihr wissen will.

Er nimmt das Handy noch einmal, nachdem es aufgehört hat zu klingeln, öffnet die Kappe auf der Rückseite und entfernt die SIM-Karte. Danach öffnet er eine flache Plastikhülle und ersetzt die Karte durch eine andere.

„Warum tauschen Sie die Karte?" frage ich. Er lächelt und antwortet, dass er für jede Freundin eine SIM-Karte besitze. Er hofft, dass sie ihn in Ruhe lassen wird, wenn sie ihn nicht mehr erreicht. Sie wird wohl verstehen, dass er mit ihr nicht mehr zu tun haben möchte.

Ich finde es anstrengend, dass er immer so viele Handys mit sich schleppen muss. Die Leute haben keine Bindung zu ihren Nummern und tauschen sie, wie es ihnen gerade passt. Um eine neue SIM zu kaufen, braucht man keinen Ausweis. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum die Netze oft überlastet sind. Die Kapazität reicht für die Zahl der Teilnehmer nicht aus.

Solange derjenige, mit dem er verabredet ist, nicht erschienen ist, profitiere ich davon, um mich mit dem Mann ausgiebig zu unterhalten. Die Klingeltöne von den Nachbartischen geben zusammen mit der Musik in der Kneipe ein merkwürdiges Konzert.

Ich frage ihn, ob es nicht anstrengend ist, so viele Handys an der Hüfte zu tragen. Wie fühlt es sich an, wenn die fünf auf einmal anfangen zu vibrieren? Wahrscheinlich würde er wie ein Mädchen aussehen, das einen Hula-Hoop-Reifen um die Taille kreisen lässt, antworte ich amüsiert.

Und was macht er, wenn er sein traditionelles Gewand anziehen will und keine Tasche tragen möchte. Er lacht und sagt, er trägt sie in den Händen oder steckt sie in seine Hosentaschen. Ich schlage ihm vor, seinen Gürtel unter der Tunika zu tragen und die Handys daran zu befestigen.

„Wenn ich ein europäisches Konsulat betreten will, werden die Wächter mich für einen Selbstmordattentäter halten." Wir lachen immer noch, als sein Freund erscheint. Ich bedanke mich, wende mich meinem Bier zu, trinke es aus und verabschiede mich einige Minuten später.

Nach dem Spaziergang habe ich zu Hause einen Handschuh entworfen, mit dem die Beniner in der Zukunft ihre Handys leichter tragen können. Der Handschuh, den ich bei einem Schuster machen lassen habe, sieht ein bisschen aus wie der eines Baseballspielers.

An jedem Finger ist eine Tasche angebracht, in der der Handybesitzer jeweils ein Handy stecken kann. Er kann gleichzeitig mit allen Geräten telefonieren, indem er wie beim Werkzeugwechsel einer Werkzeugmaschine einen Finger nach dem nächsten vor seinem Mund halten kann, um zu reden. Die Erfindung hat die Besucher der Ausstellung köstlich amüsiert. Jetzt suche ich einen Investor.