02.07.2009

Juli 2009


Ein neues Apps von Ulli

Ulli sitzt in seinem Arbeitszimmer, im Keller seines Hauses. Er muss ein Programm liefern und der Test klappt nicht. Eigentlich sitzt er immer dort tagelang und nächtelang. Wenn seine Frau von ihrer Arbeit zurückkommt, geht sie ihn grüßen, er nickt ihr zu, redet mit ihr, den Blick auf den Bildschirm gerichtet. Die Frau dreht sich meisten schweigend um und geht in die Wohnung, wo sie nach dem Abendbrot ihren Abend vor dem Fernseher verbringt. Sie schläft dabei ein und wacht irgendwann auf, macht den Fernseher und das Licht aus und geht ins Zimmer schlafen, wo ein kaltes Bett auf sie wartet. Um fünf kriecht Ulli unter die Decke und legt sich neben sie. Eigentlich hätte sie sich über die Anwesenheit ihres Mannes gefreut und ihm ihren Rücken angeboten, aber die unterkühlte Laune, die sie am Vorabend ins Bett mitgenommen hat, erstickt jede Lust im Keim.

Ulli selbst seufzt und schläft meisten sofort ein. Seine Frau steht zwei Stunden später auf, macht sich für die Arbeit fertig, frühstückt, schreibt auf einem Zettel, dass sie ihn liebt und einen schönen Tag wünsche, und legt ihn neben das Telefon auf die Kommode im Flur. Sie prüft noch einmal, ob sie alles, was sie bei der Arbeit braucht, mitgenommen hat, geht durch die Tür und schließt sie hinter sich.

Ulli verlässt das Bett gegen zehn, unrasiert nimmt er sein Frühstück ein, und setzt sich an den Computer und bleibt wieder bis zum Abend im Keller, wo er ununterbrochen die Hand in die Chipstüte langt, um seinen Magen zu füllen.

So leben Ulli und seine Frau immer, wenn dieser ein neues Projekt von seinen Kunden bekommt. Er freut sich über die Aufträge, während seine Frau sich vernachlässigt fühlt und ohne Lebensfreude allein durch die Stadt läuft. Es ist doch klar, dass es nicht so weitergehen kann.

Als sie dieses Mal nach Hause kommt, marschiert sie resolut in den Keller, lehnt sich gegen den Türrahmen und fragt ihren Ehemann, ob die Ehe noch bestehe. Er hebt den Kopf, zuckt mit den Wimpern und sagt, dass er nicht verstehe, warum sie ihm diese Frage stelle.

Bedrückt fragt ihn seine Frau, ob er sie noch wahrnehme, sie hätten beide seit einer Woche nicht mehr miteinander geredet. Er habe seine Augen nur für seinen Computer, sie sei vor drei Tagen beim Friseur gewesen, habe ein neues Parfum und neue Kleider gekauft. Kein Wort komme ihm über die Lippen. Sie sei verletzt und möchte das nicht mehr lange mitmachen. Lieber allein ohne einen Mann zu sein, als mit einem in einer lebenskargen Wohnung.

Ulli braucht eine Weile, um seinen Programmierungszeilen zu entkommen und um festzustellen, was auf ihm zukommt. Er hat schon häufig gehört, wie die Arbeit die Liebe töten kann. Viele Leute aus seinem Freundeskreis haben so ihre Partnerinnen verloren.

Der Anblick seiner Frau tut ihm leid, er steht auf, geht zu ihr und nimmt sie in den Arm. Sie stupst ihn: „Ich hätte eine Antwort. Bin ich nicht mehr attraktiv genug für dich? Warum ignorierst du mich so?" Ulli achtet nicht auf ihren Widerstand, zieht sie zu sich und umarmt sie. Er möchte sie nicht verlieren. Er guckt auf die Uhr, bittet um einen Augenblick und schaltet den Rechner aus. „Ich lade dich zum Essen ein", sagt er, nimmt ihre Hand und verlässt mit ihr das Arbeitszimmer.

Im Restaurant bekommt er einen Schreck. Es ist ihm bewusst geworden, wie viele Tage er kein Wort mit ihr gewechselt hat. Er ist völlig überrascht, wie die Arbeit ihn vom Leben abgehalten hat. Er arbeitet zu Hause, er kennt keinen Stundenlohn, sondern Abgabetermine. Und diese Termine bestimmen seinen Lebensrhythmus. Er trifft eine Entscheidung: Dieser Abend gilt seiner Frau. Zu Hause geht er nicht ins Arbeitszimmer.

Am nächsten Tag macht er sich Gedanken, wie er in die Zukunft eine ähnliche Situation vermeiden soll und hat eine Idee. Er hat ein privates Apps programmiert, ein spezielles Programm für das Iphone, das er heimlich auf dem Handy seiner Frau installiert. Betritt sie einen Modeladen, so wird er per GPS benachrichtigt. Sobald die Frau die Haustür aufmacht, empfängt er sie und fragt, „was hast du denn gekauft, Schatz?"

Vor Freude läuft sie ins Wohnzimmer und zeigt ihm die Sachen, die sie gekauft hat. Manchmal ist er von der Wahl nicht so begeistert, aber wenn es ihr gefällt, dann ist das in Ordnung. Er zeigt ihr trotzdem, dass er alles toll findet. Sie ist begeistert und errötet.

Das Handy erkennt auch, wenn die Frau sich ein neues Parfum aufsprüht, und sofort ist Ulli informiert. Er ruft ihr zu: „Du riechst aber gut. Dein Parfum dringt bis zu meinem Arbeitszimmer." Dass ein Mann für eine Frau nie genug gut sein kann, zeigt sich in der Antwort der Dame: „Was ist mit dir los? Du bist doch sonst nicht so aufmerksam mit mir." „Ach", antwortet er, „ich möchte dich nicht verlieren und bemühe mich deswegen." Sie lächelt zufrieden.

Seitdem sie das Apps in ihrem Handy mit sich trägt und, Ulli kein Kompliment auslässt, wird sie immer schöner. Das Handy nimmt auch ihre Kammermusik auf, misst die Abstände und warnt Ulli, wenn er sie eine ganze Woche nicht mehr im Bett berührt hat. Dann meldet eine Stimme auf Ullis Handy: „Sie ist heiß auf dich!"

Und so ist ihm ein Malheur auf seiner letzten Dienstreise passiert: Er sitzt mit Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartnern in einem Konferenzraum und während die Geschäftsführerin einen Vortrag hält, meldet sein Handy: „Sie ist heiß auf dich!"