11.11.2008

Oktober 2008


Ich will kein Handy mehr

Viele Menschen können sich von ihrem Handy nicht trennen, selbst zum Schlafengehen nehmen sie ihr Gerät mit ins Bett. Unter der Dusche liegt es in ihrer Reichweite. Natürlich benutzen sie es, um zu telefonieren, zu simsen und E-Mails zu schreiben.

Zusätzlich surfen sie damit im Internet, sie können nicht warten, bis sie auf einem P.C. online gehen können. Internet ist überall verfügbar, und so wollen sie nicht warten, wenn sie eine Information brauchen. Man kann mittlerweile im Kaufhaus mit dem Handy bezahlen, seine Fahrkarte für die Bahn oder das Flugzeug laden, und im Parkhaus kann man seine Parkgebühren damit entrichten. Unterwegs hört man Musik und Radio damit. Falls man sich in einem Warteraum langweilt, holt man das Gerät heraus um zu spielen.
Das Handy ist heute so unentbehrlich, dass man sich unwohl fühlt, wenn man es zu Hause vergessen hat.

Müssen wir ständig erreichbar sein? Brauchen wir nie Ruhe? Wann können wir das Gerät ausschalten? Ich erinnere mich noch an die gute alte Zeit, als nur der Anrufbeantworter für unsere Anrufer ständig verfügbar war. Wenn man nach Hause kam, freute man sich, dass das Ding blinkte, ohne den Mantel auszuziehen stand man davor und hörte aufmerksam zu. Wenn man etwas besprechen wollte, hat man sich in der Telefonzelle allein eingeschlossen. Jetzt machen wir das auch in der Öffentlichkeit. Wir scheuen uns nicht mal zu lügen: „Eh Du! Ich bin krank und sitze zu Hause." Aber derjenige sitzt gerade vor uns im Café. Wir haben uns früher verbindlich verabredet, und wir haben uns erst gemeldet, wenn wir zu Hause angekommen sind, nicht gleich nachdem das Flugzeug gelandet ist.

Ich gebe zu, dass die Erfindung des Handys eine wahre Revolution ist. Aber im Allgemeinen hat die Informationstechnologie meiner Meinung nach die Welt weder verbessert noch spannender gemacht. Sie ist zwar schneller, aber auch langweiliger geworden. Schauen wir in die Filmbranche. Es gibt keine Banditen mehr, die aus einer Telefonzelle ihre Forderungen diktieren. Kein Kommissar erhält heute einen Anruf in einem Café, in dem er Untersuchungen leitet. Vorbei die Zeiten, als die Einbrecher schweißgebadet den Code eines Tresors knackten oder ein Detektiv in einem Büro Unterlagen suchte, während eine andere Person sich näherte und die Zuschauer voller Spannung auf das warteten, was passierte.

Heute wird in den Filmen entweder ein Passwort geknackt oder eine Festplatte gestohlen. Nichts Spannendes. Die Kriminellen sind sogar feige geworden. Sie sitzen in den USA, Nigeria oder sonst wo und versuchen mit Phishing, Würmern und Viren an die Daten der potentiellen Opfer zu kommen. Ein Banküberfall ist nicht mehr nötig.

Ich brauche nach fünf Jahren ein neues Handy. Mein altes Gerät funktioniert immer noch reibungslos, aber die Batterie kann nicht mehr aufladen. Vergeblich habe ich eine neue gesucht. Aber sie werden nicht mehr hergestellt. Also muss ich mir ein neues Handy besorgen.
Ich gehe in einen Laden. Der Verkäufer empfiehlt mir ein neues Modell. Obwohl ich ihm gesagt habe, dass ich das Gerät nur zum Telefoniere brauche, erklärt er mir, was ich noch alles damit machen kann. Das Handy besitzt eine Kamera, das er absolut toll findet. „Wozu brauche ich eine Kamera?" frage ich. „So denkt jeder. Sobald Sie etwas besitzen, findet sich auch eine Anwendung dafür. Nehmen Sie an, Sie sehen ein tolles Motiv und wollen es gerne in der Erinnerung behalten und Sie haben gerade keine Kamera dabei. Das Handy trägt man immer mit sich." „Nein", sage ich, „ich hätte lieber ein Modell ohne Kamera."

Alle Handys, die sie da haben, besitzen eine Kamera. Ich habe keine Chance, ich muss ein Handy mit Kamera kaufen. Ich bezahle und gehe nach Hause. Drei Tage später bestätigen sich meine Befürchtungen. Meine Freundin ruft mich an und will genau wissen, wo ich mich aufhalte. Sie glaubt mir nicht und sagt: „Mach deine Kamera an, und nimm die Umgebung auf."
‚Was?' denke ich, ‚ich werde mich doch nicht so kontrollieren lassen.' Ich habe das Gerät ausgeschaltet und in mein Handschuhfach gelegt. Ich werde es nur noch im Notfall einschalten. Ich will nicht mehr ständig erreichbar sein.

Luc Degla