14.10.2009


Kult-Twitterer Mao und die Generation Internet

Heute beginnt die Frankfurter Buchmesse. Neben den Gartenbüchern, Kochbüchern und autoritären Erziehungsratgebern sind dieses Jahr die Themen Kochen, Gartenpflege und autoritäre Erziehung besonders angesagt. Zweiter großer Trend: Twitter in China, dank des Ehrengastes Mao Tse Tung. Wir haben den Großen Vorsitzenden und neuen Kult-Twitterer im China-Zelt getroffen, beim kleinen Häppchen-Empfang.

Von Gerald Fricke

Seit einem Jahr ist er jetzt auf Twitter dabei, wie vor ihm schon Barack Obama, der „falsche Müntefering", Louis de Funés und Hauswart Zetschko. Unter seinem nome de guerre @MaoPlus. Zunächst gab es weltweit Zweifel und einiges an Stirnrunzeln. Sollte der Große Vorsitzende tatsächlich persönlich kleine Kurznachrichten in ein Smartphone tippen, sogar von unterwegs aus und beim Baden?

„Hihi", lächelt der erstaunlich rüstige Vollblutpolitiker, „ich habe mir das Nokia Xpress Music 5800 gezogen, mit Lupe und Stift. Mit der Viererbande kann ich dann auch noch meinen Partnertarif nutzen. Und ich wische Google eins aus!". Warum die Anmeldung als „Dr. Bert Grafenstein"? – „Warum nicht!", kontert MaoPlus mit einfacher Gegenfrage. Klare Sache – den Schalk im Nacken, den hat er sich auch im Alter bewahrt, der Große Vorsitzende.

Die meisten Einträge sind ziemlich harmlos. Bemerkungen über den Alltag und das Wetter wechseln mit allgemeinen Belehrungen und brutalo-humanistischen Verhaltensmaßregeln. Der Große Vorsitzende und sympathische Massenbezwinger mahnt immer wieder zu großer Duldsamkeit, auch gegenüber dem Fernsehprogramm und der FDP. „Wage zu kämpfen und wage zu verlieren", lautet sein augenzwinkerndes Augenzwinkern in Richtung Jugend.

Ja, Mao ist Kult in der „Generation Internet", auch wenn der „lange Weg" sehr lang ist. Viele Soziologen und Internet-Erklärbären vergleichen diesen Long-Tail-Effekt mit Autoaufklebern: „Bringt nichts, gibt's nicht!". Was ist damit gemeint? Der Große Vorsitzende amüsiert sich über diese und andere Deutungsversuche: „Dem Volke dienen – das ist nun einmal meine Kernkompetenz", lächelt er alle Bedenkträgereien einfach weg.

Auch der Spaß kommt nicht zu kurz. „Denk- und Arbeitsmethoden neu denken und radikal verwerfen" oder „Aufbau unseres Landes durch Geduld und Genügsamkeit", haben für viele Schmunzler im Web gesorgt. „Ja, diese Selbstkritik ist wichtig, kann aber auch nerven", konstatiert der virile Hundertzwanziger. Nur einmal gab es richtig Ärger. „Luca Toni wird nicht spielen, solange ich bade. Punkt." Damit sorgte @MaoPlus für große Aufregung. Eine ganz klare Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik Deutschland. Der Große Vorsitzende hatte für einen Sturm im Badeteich gesorgt.

Heute gibt er sich geläutert: „Ich werde in Zukunft nur noch die Ergebnisse der Bundestagswahlen und der Bundesliga vorab twittern", erstickt er etwaige Kritik brutalstmöglich im Keim. Und tatsächlich: „Hier die Ergebnisse der Bundestagswahlen 2013: CDU mittel, SPD wenig, der Rest legt zu", lässt er seine „Follower" schon heute wissen.

Aber lässt sich tatsächlich mit 140 Zeichen die Revolution vorantragen? MaoPlus lässt sich nicht lange bitten: „Mit 140 Mutmach-Zeichen die Herzen gewinnen!", schreibt er uns ins digitale Poesiealbum. Zum Abschied „bumpen" wir noch mal unsere Adressen. Bereut der Große Vorsitzende irgend etwas, was lief falsch in der Kulturrevolution? „Nöö, passt scho", gibt er sich trotzig. „Nur eine Sache nervt mich doch ein bißchen: das Nokia Xpress Music 5800 ist eben doch kein iPhone. Mist, am falschen Ende gespart."

Unser Tag auf der Messe neigt sich dem Ende zu. Wir winken lange.