24.04.2009


Leistungsexplosion auf dem Chefsessel

Die Gabe, in die Zukunft schauen zu können, finden Menschen seit jeher faszinierend. Die Prophezeiung indes, dass der Auftritt von Professor Horst W. Opaschowski für einen Riesenandrang sorgen würde, bedurfte keines großen hellseherischen Talents. Zu gut ist der Ruf, der dem Zukunftswissenschaftler vorauseilt. Zum 20-jährigen Geburtstag der Lineas Informationstechnik GmbH hatte Opaschowski zwar keine Glaskugel dabei, dafür aber präzise Aussagen, wie unsere Arbeitswelt in 20 Jahren aussehen wird.

 

Ob sich bis dahin wieder so viel tun wird, wie es in den vergangenen 20 Jahren der Fall gewesen ist? Dr. Michael Goldapp, Geschäftsführer der Lineas Informationstechnik GmbH, blickte auf der gemeinsamen Veranstaltung mit dem Arbeitgeberverband Region Braunschweig auf die Entwicklung der IT-Welt zurück. Nicht nur vieles, sondern alles habe sich verändert seit Gründung von Lineas. 20 Jahre seien zwar nicht viel im Lauf der Dinge, „aber im Bereich der Informationstechnologie bedeutet diese Zeitspanne eine Ewigkeit", sagte Goldapp vor 300 Gästen im Kongresssaal der Industrie- und Handelskammer Braunschweig.

Mr. Zukunft, wie er von der Nachrichtenagentur dpa einmal genannt wurde, ist kein Wahrsager, sondern ein Wissenschaftler. Opaschowski nimmt gesellschaftliche Entwicklungen auf und rechnet sie, unter anderem als Berater von Politik und Wirtschaft, auf die Zukunft hoch. Mit Erfolg. Bisher habe er, so die Eigenaussage, bei seinen Prognosen eine „relativ große Treffsicherheit erzielt". Was also, Herr Opaschowski, kommt auf uns zu? Auf die IT-Unternehmen, ihre Mitarbeiter und die anderen Branchen?

Eine seiner Zukunftsberechnungen lautet: 0,5 mal 2 mal 3. Im Zuge der demographischen Entwicklung wird im Vergleich zu heute „die Hälfte doppelt so viel verdienen und dafür dreimal so viel arbeiten". Ein weiterer Zukunftstrend: die Leistungsexplosion der jungen Generation. Die Hedonisten machen sich aus dem Staub, stattdessen wird die Gruppe jener, die Erfolg im Job mit Glück im Leben gleichsetzen, immer größer. „Für sie sind Leistung und Lebensgenuss keine Gegensätze mehr", sagt der Gründer des BAT Freizeit-Forschungsinstituts und heutige Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen. Wer Karriere machen will, so seine Darstellung, muss fleißig, selbstbewusst, kontaktfreudig und sein eigener Unternehmer sein. „Persönlichkeiten mit Charakter – und nicht nur mit Fachwissen – werden die Unternehmen in Bewegung halten."

Und auch immer mehr Frauen. Die Männer verlieren ihre Privilegien, „die Arbeitswelt wird weiblicher". Schon jetzt, betont der 68-Jährige, schließen junge Frauen die Gymnasien im Schnitt eine Note besser ab als die jungen Männer, auch bei den Hochschulabsolventen sind Frauen in der Überzahl. Das hat Folgen. Zurzeit sitzt ungefähr nur auf jedem zehnten Chefsessel eine Frau – doch schon 2030 werden die Geschäfte zu 30 Prozent von Frauen geführt. Auch IT-Unternehmen können sich auf das „Wegbrechen männlicher Führungspositionen" einstellen.

So wird sich einiges, aber beileibe nicht alles verändern. Was bleibt, ist zum einen das Fernsehen als wichtigstes Leitmedium – die Prognose, dass das Web das Fernsehen frisst, erfüllt sich laut Opaschowski nicht – und die Kultur des Feierabends. Auch in Zukunft, so Opaschowski tröstlich, „werden wir müde von der Arbeit nach Hause kommen, uns vor den Fernseher setzen und mit nichts anderem als unserem Partner oder dem Kühlschrank interagieren".