02.01.2009

Dezember 2008


Neue Anwendungen für Satelliten

Mit der drohenden Rezession beschloss ein Unternehmer aus Braunschweig nach neuen Geschäftsideen und Märkten zu suchen. Jahrelang liefen seine Geschäfte in Deutschland so gut, dass er zufrieden war und keinen Grund fand, nach Ost-Europa zu expandieren.

Als er willig wurde, hatte die Konkurrenz Ost-Europa schon fest im Griff. Nach Westen konnte er auch nicht. Die einheimischen Mitwerber würden ihm das Leben schwer machen. Das wusste er ganz sicher. Asiatische Restaurants hatte er nur einmal in seinem Leben betreten und schwor danach, es nie wieder zu tun. Er hatte nach dem Besuch starke Bauchschmerzen bekommen. „Wenn die, die in Deutschland kochen, das Essen an den Geschmack der Deutschen angepasst haben, wie soll die originale Küche aussehen", dachte er und verbannte Asien aus seinen zukünftigen Reisezielen. Nach Nordamerika wollte er auch nicht. Amerikaner und Kanadier hatten genau wie die West-Europäer ihre Rezession und dort würde die Konkurrenz auch keinen Teil vom langsam verderbenden Kuchen abgeben wollen. Lateinamerika war ihm zu weit und zu heißblütig. Letztendlich wartete nur Afrika jungfräulich auf ihn.

„Der gute Geschäftsmann muss zuerst die Bedürfnisse der potentiellen Kunden erkennen", dachte er und kaufte einen Geländewagen, um Afrika vom Norden bis zum Süden Schritt für Schritt zu erkunden. Er fuhr problemlos durch Europa, hielt in verschiedenen Städten Nordafrikas an und unterhielt sich mit Leuten aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Überall fand er Internet-Cafés und Jugendliche, die hemmungslos mit den PCs umgingen. Der neue Weg könnte in die IT-Branche führen, dachte er, und fuhr weiter gen Süden. In der Sahara fand er keinen fruchtbaren Boden für eine Unternehmung, die für ihn in Frage käme.

In Niger angekommen stellte er eine kleine Fehlentscheidung fest. Er hatte einen Geländewagen der neuen Generation gekauft. Voller Elektronik. Wegen des Staubes und des Sandes funktionierte der Fensterhebel nicht mehr. Fortan hatte er ein mulmiges Gefühl und je tiefer er in Afrika eindrang, desto intensiver lauschte er auf den Motor und freute sich, je weiter das Auto sich ohne Pannen fortbewegte. An einem alten Range Rover hätte er noch etwas reparieren können, aber falls dieses Auto ausfiel, wüsste er nicht, wie er an das nächste Fehlerauslesegerät kommen könnte, 5000 km von Deutschland entfernt. Egal, wo er auch anhielt, fragte er sich, wie die Leute ihre Wagen instand halten. Selten fand er in den Städten Vertreter von Autokonzernen. Die afrikanischen Straßen sind zwar rollende Automuseen, trotzdem tauchten ab und zu nagelneue Autos auf, die mit elektronischen Steuergeräten ausgestatten sind. Vertreter der Weltorganisationen und europäischer Länder müssen doch irgendwie ihre Autos reparieren können. Werden sie nach Europa zur Reparatur verfrachtet? fragte er sich weiter.
Der Unternehmer schien nach 6000 km immer noch keine Geschäftsidee für den afrikanischen Markt gefunden zu haben und verzweifelte. Dann fiel sein Wagen aus. Er tat alles, der Motor sprang nicht an. Ein Passant eilte ihm zu Hilfe und empfahl, nachdem sie festgestellt hatten, dass die Bordelektronik ausfallen war, einen Autoelektriker aufzusuchen. Der Passant erzählte ihm, dass sie im Lande Leute haben, die sich darauf spezialisiert haben, sich nur um die Elektronik im Auto zu kümmern.

Da er keine Wahl hatte, nahm er das Angebot an. Der Elektriker kam, prüfte den Wagen und fand den „Fehler". Die Hitze störe den Bordcomputer. Sein Vorschlag: den Bordcomputer umgehen. Als er die großen Augen seines Kunden sah, entgegnete er ihm: „Was glauben Sie? Alle neuen Autos, die Sie in diesem Land sehen, haben kein ABS. Dieses System ist für unsere Straßen überhaupt nicht geeignet. Wir schalten es aus. Die Leute schnallen sich hier ungern an. Wir schalten das Warnsignal aus. Die Autos funktionieren trotzdem wunderbar.

Der Braunschweiger weigerte sich den Empfehlungen des Elektrikers zu folgen und fragte, ob er irgendwo einen Vertreter seiner Marke finden konnte. Er befand sich 500 km weiter südlich. Kurzer hand hielt der Passant einen vorbeifahrenden LKW an. Sie suchten im Dorf nach Jugendlichen und zusammen hoben sie den Wagen auf den LKW.
In der Hauptstadt war der Vertreter der einzige, der ein Fehlerauslesegerät besaß. Er reparierte das Auto. Aber danach wurde der Braunschweiger unsicher und bekam Angst die Reise mit dem Auto fortzusetzen. Da kam ihm die erleuchtende Idee. Er beschloss eine Art Modem für Autos zu entwickeln. Sobald ein neues Auto weltweit eine Panne hat, kann sich der Besitzer per Satellit beim Autobauer anmelden und den Fehler suchen lassen. Wird der Fehler gefunden, bekäme er auf dem Bordcomputer die Anweisungen und das Ersatzteil per Express geschickt. Jeder könnte überall sicher fahren, auch in Ländern, in denen es keinen ADAC gibt.
Er rieb sich die Hände, verkaufte vor Ort seinen Wagen und trat mit dem Flugzeug seinen Rückflug an.

Luc Degla