02.11.2009

November 2009


Neue Jobs

Der frisch gebackene IT-Spezialist Kelvin gehört zu den Menschen, die davon ausgehen, dass ihre Bürgerrechte unantastbar sind. Die aktuellen Nachrichten aus der Welt der IT gefallen ihm überhaupt nicht, Datenskandale bei großen und kleinen Unternehmen usw. Der Staat und viele Betreiber von Internetplattformen sind richtig hungrig nach Daten von Personen geworden. Der sicherste Weg von diesem System nicht erfasst zu werden, besteht darin, nicht dazu zu gehören, sich in eine „Datenwüste" zurückzuziehen und jegliche Kommunikation über das Netz mit der Gesellschaft zu vermeiden. Ein Freund braucht die Kontaktdaten von Kelvin nur in einem Adressbuch zu speichern, damit diese Daten sich auf eine andere Datenbank übertragen lassen.

Wie kauft eine öffentliche Persönlichkeit im Internet ein? Die Bundeskanzlerin kann eine andere Internetidentität erhalten, aber was ist mit den unzähligen Politikern, Bürgermeistern, Stadträten und andere Berufsgruppen, die unbekannt bleiben wollen, wenn sie eine bestimmte Zeitschrift kaufen, oder eine Reise, ein Hotelzimmer, ein Konzert anonym buchen wollen? Wie soll ein Unternehmer sicher sein, dass sein Konkurrent nicht über seine wahre finanzielle Lage informiert wird, nur durch die Tatsache, dass seine Tochter in der Bank arbeitet, bei der er sein Konto besitzt?

Die Gehälter, die ihm nach seinem Abschluss angeboten werden, sind seiner Meinung nach sehr niedrig. Er rechnet nach, wie viel seine Eltern seit seiner Kindheit für seine Ausbildung ausgegeben haben. Er macht eine überschlägige Rechnung und kommt auf 500 Euro pro Monat während seiner Schuljahre. Dieser Betrag beinhaltet die direkten Kosten, die mit der Schule zu tun hatten: Fahrgeld, Geld für die Kantine, für die Bücher und die Ferien. Das Taschengeld wurde nicht berücksichtigt, weil er davon ausgeht, dass die Eltern ihn sowieso hätten ernähren müssen. Dann berechnet er auf derselben Basis 1000 Euro pro Monat während seines Studiums. Hier hat er das Geld, das er als wissenschaftliche Hilfskraft verdient hat, dazu berechnet. Er konnte kein Geld sparen. Am Ende des Studiums war sein Konto mit 700 Euro im Minus, weil er während seiner Magisterarbeit nicht jobben konnte. Die gesamten Kosten beziffern sich inklusiv der Zinsen bis zum Tag seines Abschlusses auf ungefähr 172.000 Euro. Die Erziehung eines Menschen kostet immer viel. Er möchte so viel verdienen, dass er, neben seinen Lebensunterhaltungskosten, noch über 300 Euro pro Monat verfügt, nachdem er 250 Euro pro Monat für seinen „Ausbildungskredit" zur Seite gelegt hat. Kelvin braucht aus diesem Grund 58 Monate um seinen „Ausbildungskredit" zurückzuzahlen. Alles in allem kommt Kelvin zu dem Entschluss, dass er mindestens 2500 Euro netto als Einstiegsgehalt verdienen muss, damit seine Ausbildung sich auszahlt.

Kelvin hat eine klare Vorstellung, was seine Zukunft betrifft, und er ist mit der arbeitgebenden Gesellschaft kaum kompromissbereit. Er mag das Argument nicht, dass man jede Arbeit annehmen muss, nur weil eine hohe Arbeitslosigkeit im Lande herrscht.

Da die angebotenen Gehälter ihm nicht gefallen, nutzt Kelvin die Gunst der Stunde und gründet eine Internetvermittlungsgesellschaft. Seine Kunden müssen sich bei ihm auf dem Postweg anmelden und sich dadurch nirgendwo mehr im Netz registrieren lassen. Um den Datenklau zu vermeiden, möchte er nichts im Netz machen. Er bietet eine breite Produktpalette an. Wer im Internet einkaufen will, ruft ihn an, am Telefon wird der Link mitgeteilt, aufgrund der Kundennummer bestellt Kelvin die Waren im Namen seiner Firma und sendet sie an den Kunden per Postweg weiter.
Nach unserem letzten Telefonat wartet Kelvin immer noch auf seinen ersten Kunden. Sein Geschäft hängt davon ab, wie viele Skandale es noch gibt und wie die Menschen darauf reagieren werden.

Luc Degla