07.09.2008


Velian

Michael Körber
Michael Körber

Das Unternehmen Velian wurde am 7. September 2007 gegründet und steht für kreative Softwareentwicklung. Was darunter zu verstehen ist, was bei der Unternehmensgründung beachtet werden sollte und warum in der IT-Branche trotz reichlich Nachwuchs von Fachkräftemangel die Rede ist, darüber sprach unsere Redakteurin Romana Ringel mit Velian-Geschäftsführer Michael Körber.

 

Romana Ringel: Ihr Unternehmen ist ein sehr junges. Begonnen hat alles mit der Zeiterfassung, wie ging es dann weiter?

Michael Körber: Wir sind mit unserem Unternehmen nun schon fast ein Jahr am Markt. Die Zeiterfassung ist ein Nebenprojekt, das erst etwas später dazu kam. Unser Hauptgeschäft sollte eigentlich das Variantenmanagement und die Einzelkostenrechnung werden. Dahinter versteckt sich aber viel Arbeit, die geleistet werden muss und daher haben wir unser Unternehmen auf zwei Beine gestellt: das ist zum einen der Dienstleistungssektor, auch für andere IT-Häuser, und zum anderen unsere Produkte. Während der Arbeit im Dienstleistungsbereich stellten sich für uns Probleme mit der Zeiterfassung heraus. Da ein preiswertes und brauchbares System auf dem Markt nicht zu finden war, bauten wir letztlich aus der Not heraus ein eigenes System. Aus der Not wurde eine Tugend, mittlerweile sind wir mit verschiedenen Interessenten im Gespräch.

Romana Ringel: Das Produkt ist noch im Entstehen?

Michael Körber: Es ist so gut wie fertig, wir werden bald die Beta-Phase starten. Wir machen einen Vorlauf mit ausgewählten Kunden um Fehler herauszusortieren, die man in der eigenen Betriebsblindheit vielleicht nicht entdeckt hat oder es stellen sich neue Anforderungen heraus. Es ist eine Art Testphase.

Romana Ringel: In der Region 38 ist die IT-Branche, meinem Eindruck nach, sehr stark vertreten. Was musste bei der Unternehmensgründung beachtet werden? Können sie einige Tipps geben?

Michael Körber: Man braucht ein Team das zusammen hält, das ist das Wichtigste. Dann braucht man natürlich auch Kapital. Wir haben bei der Gründung einen recht ungewöhnlichen Weg eingeschlagen und von Beginn an auf Fremdfinanzierung, z.B durch ein Kreditinstitut, verzichtet. In der freien Wirtschaft kann selbst eine gute Idee auch mal scheitern. Schließlich wird heute selten das Rad neu erfunden, es gibt viel Wettbewerb. Ohne die Fremdfinanzierung hätten wir im Falle eines Falles die Möglichkeit das Unternehmen zu liquidieren und somit keine Schulden. Eine andere Möglichkeit wären die Risikokapitalgeber, aber diese wollen meistens mitentscheiden und mitsteuern. Dies kann soweit gehen, dass man keine Kontrolle mehr über das eigene Unternehmen hat. Deshalb sind starke Partner wichtig. Das können auch Banken sein, aber ich rate dazu Netzwerke zu nutzen. Es gibt Existenzgründerzentren, Wirtschaftsjunioren und -senioren, die IHK und andere Wirtschaftsverbände.


Romana Ringel: Sie sagten, man solle Netzwerke nutzen. Das bedeutet, ich muss mir erst mal ein Netzwerk aufbauen um mich selbstständig machen zu können?

Michael Körber: Meistens ist das eigene Netzwerk ohnehin nicht groß genug. Hilfreich sind Stammtische und ähnliche Veranstaltungen, die eigentlich in jeder Stadt organisiert werden. Hier kann man sein eigenes Netzwerk schnell vergrößern und man hat auch Zugriff auf die Wirtschaftsnetzwerke, das ist sehr wichtig. Bei diesen Treffen kann man sich ein gutes Bild vom Wettbewerb machen. Wir mussten im September auch feststellen, dass es Wettbewerber gibt von denen wir bisher noch nie etwas gehört oder gelesen hatten, da sie sich wenig in den Medien präsentieren. Auf diese Unternehmen wurden wir erst über die Existenzgründerzentren aufmerksam.

Romana Ringel: Man sollte die Konkurrenz also im Auge behalten. Sie schreiben auf ihrer Website: „Wir entwickeln nicht nur Software, sondern Lösungen." Was unterscheidet ihr Unternehmen von anderen Softwareentwicklern?

Michael Körber: Wir legen sehr viel Wert darauf, dass wir die Unternehmensstruktur unserer Kunden kennen lernen. Gerade in dem Bereich Unternehmenssoftware, insbesondere ERP-Systeme (Enterprise-Resource-Planing), ist das sehr wichtig. Viele Unternehmen setzten bestehende Bausteine einfach neu zusammen, konfigurieren und meistens kommt dabei ein Kompromiss heraus. Die Standart-Software ist nicht immer in der Lage die Anwendungsfälle des Unternehmens 100%ig abzudecken.
Wir konfigurieren Systeme nicht, sondern nehmen eigene Komponenten und entwickeln individuelle Lösungen. Viele Standart-Lösungen bestehen auch darin, alte Systeme zu löschen um neue zu verwenden. Wir versuchen vorhandene Systeme in unsere Lösung einzubetten. Firmen werden manchmal Systeme verkauft, die sie nur 20% nutzen. Bei uns zahlt der Kunde nur für das, was er auch tatsächlich braucht.

Romana Ringel: Wie entsteht also ein Produkt bei Velian?

Michael Körber: Erst mal schauen wir welche Systeme bereits vorhanden sind und wie diese eingesetzt werden, Systeme die gut funktionieren sollte man nicht ersetzten.
Wir legen unsere Konzepte auch gern fachfremden Leuten verschiedenster Berufsgruppen vor, von der Putzfrau bis zum Rechtsanwalt. Durch ihre Anregungen finden wir Fehler und gewinnen neue Ideen. Man sollte auch den Technologiefortschritt im Auge behalten. Jede Woche kommt was neues raus, mit dem man sich auseinandersetzten muss und möglichst in die aktuellen Projekte mit einflechtet.

Romana Ringel: Sie haben für namenhafte Unternehmen der Region wie VW und Siemens bereits maßgeschneiderte Software entwickelt. Es gibt aber auch Produkte, die auf dem freien Markt erhältlich sind?

Michael Körber: ekovas und BSC sind unsere Standartprodukte, beide allerdings noch im Aufbau. BSC ist eine Balanced Scorecard Applikation, die wir mit einem Partner weiterentwickeln. BSC ist eine Analysemethodik damit Unternehmen ihre Ein- und Ausgaben besser koordinieren können.
enkovas ist unser kleiner Grundbaustein und steht für Einzelkostenorientiertes Variantenmanagementsystem, aber daran müssen wir noch viel arbeiten. Die beiden Produkte werden wir frühestens im nächsten Jahr auf den Markt bringen können.

Romana Ringel: Sie arbeiten auch eng mit der FachhochschuleBraunschweig/Wolfenbüttel zusammen. Worin besteht die Zusammenarbeit und welche Vorteile haben beide?

Michael Körber: ekovas ist zum Beispiel aus der Hochschultätigkeit entstanden. Wir haben schon 2001 angefangen uns mit Variantenmanagement zu beschäftigen, vorher war es die Kostenrechnung. Seit dem ist an der Hochschule das Projekt immer weiter ausgebaut worden: Wie sehen Varianten aus? Wie werden sie geschrieben? Welche Effekte gibt es darin?
Nun profitieren beide von der Zusammenarbeit. Wir konnten das Know-How von der Hochschule, wir waren ja selbst mal Studenten dieser, mit in unser Unternehmen nehmen, so auch das ekovas. Andererseits gibt es natürlich auch einen Rückfluss an Know-How unsererseits, wie wir an ekovas nun weiterarbeiten. Wir arbeiten mit den Professoren gemeinsam an Projekten, so dass ein Wissenstransfer stattfindet. Darüber hinaus setzten wir bei uns auch Studenten der Hochschule ein, vor allem jene die ein sehr hohes Leistungsprofil aufweisen. Diese Studenten arbeiten dann einerseits an unseren Projekten mit und sehen wie es in der Industrie vor sich geht, andererseits erleben sie die Forschung der Hochschule – eine wunderbare Ergänzung.

Romana Ringel: In letzter Zeit hört man oft vom Fachkräftemangel in der IT-Branche. Wie sehen Sie die Situation?

Michael Körber: Unterm Strich ist es so. Es gibt genügend Projekte und Arbeit im IT-Bereich, aber die Unternehmen finden einfach keine guten Leute. Es ist nicht so, dass es keine gibt, es fehlen nur die guten! Bei uns haben sich auch schon Absolventen mit guten Noten vorgestellt, aber Wissen in Ergebnisse um zu setzten fällt vielen sehr schwer. Der Hauptbestandteil der Software- und Systementwicklung ist die sehr theoretische Planung und Modellerstellung. Viele würden aber lieber programmieren und implementieren, allerdings ist das nicht die wesentliche Arbeit. Der Kunde braucht verlässliche Leute vor Ort, die die Materie verstehen und zwar nicht nur „IT-seitig". Ein Bespiel: Wenn ein Automobilbauer an uns heran tritt, müssen wir uns mit der Produktion von Automobilen auseinandersetzten; wenn ein Mediziner anfragt, müssen wir sein Fachgebiet begreifen. Der Kunde stellt seine Anforderung und unsere Aufgabe ist es dann einen Weg zu finden. Das fällt den meisten IT'lern sehr schwer: Kundennähe, theoretisches, abstraktes und fachliches Wissen miteinander zu verbinden. Das führt letztendlich dazu, dass man zwar viele Bewerber hat, aber nur wenige nehmen kann, weil sie dem Stress der dabei entstehen kann nicht gewachsen sind. Und genau deswegen ist die Kooperation zwischen Unternehmen und Hochschule so wichtig. Die Studenten arbeiten an echten Projekten, lösen echte Probleme und werden so auf die echte Arbeitswelt vorbereitet.

Romana Ringel: Was raten sie Bewerbern?

Michael Körber: Gefragt ist Kreativität. Interesse an abstrakter Kunst, Musik oder ähnlichem ist durchaus von Vorteil. Viele erstellen ein Modell und feilen das aus. Ein Modell reicht aber nicht, viele Ideen muss man haben, woraus man die beste Lösung für den Kunden herausfindet. Es gibt nicht nur eine Lösung, so streng mathematisch darf man nicht an ein Projekt gehen. Früher war das ein wenig anders, da hatten wir noch nicht so viele Ressourcen zur Verfügung und mussten die günstigste Lösung finden. Heute haben wir Ressourcen im Überfluss und können uns überlegen, was für den Kunden am sinnvollsten ist. Ich habe an der Hochschule eine Zeit lang in den EDV-Laboren mitgearbeitet und den Studenten Modelltheorie beigebracht – was sind Modelle. Meistens kam dann die Frage „Wie komm ich denn darauf?" Die Antwort: „Kreativität". Es gibt für Modelle keine Kochrezepte, sie müssen individuell auf jeden Kunden zugeschneidert werden, da eben auch die Anforderungen eines Unternehmens individuell sind. Und genau das ist auch der Spaß an der Arbeit, individuelle Wege und Lösungen zu finden, Kreativ zu sein, sich selbst etwas auszudenken. Für Menschen die das nicht können, ist das allerdings Frust. Sie können die Modelle am PC programmieren, aber das ist doch nur die Tipp-Arbeit und damit verdient man kein Geld – Geld verdient man mit Consulting, Entwicklung, Beratung. Das Programmieren ist dank des Technologiefortschritts nur noch eine „Randerscheinung".

Foto: Romana Ringel
Weitere Infos: velian GmbH - IT-Solutions, Software & Consulting,http://www.velian.de