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Der Hellseher
Ich sitze in der Mensa und lausche dem Gespräch zweier Studentinnen. Sie unterhalten sich über ihre Probleme, das Studium und alles, was sie noch beschäftigt. Plötzlich höre ich: „Ich möchte gerne einen Hellseher über mein Leben befragen, kennst du jemanden?“ Da macht es Tick bei mir.
Ich denke an meinen chronischen Geldmangel, gerade habe ich eine Mahnung der Krankenkasse in meinem Briefkasten gefunden und mache mir Gedanken, wie ich sie begleichen kann. Ich unterbreche die beiden Damen: „Entschuldigung“, sage ich, „vielleicht kann ich Ihnen helfen.“ Überrascht sehen mich die beiden Frauen mit fragendem Blick an. „Ja“, fahre ich fort, „ich habe Ihr Gespräch verfolgt. Ich muss zugeben, dass es mir peinlich ist, ihnen zu gestehen, dass ich sie belauscht habe, aber wir sitzen so nah zusammen, dass ich nicht weghören konnte.“ Die Dunkelhaarige macht ein Handzeichen und zeigt mir, dass sie nichts Schlimmes daran findet, dass ich mein Ohr mitten in ihr Gespräch gehalten habe und fragt, wie ich ihnen helfen könnte. Ich schaue zu ihrer Freundin, sie ist etwas zurückhaltender. Ich teile ihnen mit, dass ich wahrsagen kann. Die Augen der Freundin leuchten. „Ehrlich?“ fragt sie. Ich nicke selbstsicher. Als ob sie sich auf einem Förderband befinden, rutschen die beiden zu mir und stellen sich vor. Die Dunkelhaarige, die offener ist, verrät ihren Namen: Nina, und ihre Freundin, schüchterner und ein bisschen mollig mit nicht übersehbarem Busen heiß Sarah. Ihr Interesse, in die Zukunft zu sehen, ist sehr groß. Sie wollen, dass ich gleich loslege. Ich sage ihnen, dass ich eine Vorbereitungszeit brauche. Sie sollen mir ihre Namen auf ein Blatt Papier schreiben. Ich werde mich nach 48 Stunden melden und ihnen sagen, was ihnen in der Zukunft blüht. Mit einer Haltung, die bedeutet, dass sie die Wahl haben, sage ich ihnen, dass ich hundert Euro pro Person nehme. „Das ist in Ordnung!“ rufen die beiden, nachdem sie sich mit einem Blick verständigt haben.
Sie schreiben ihre vollständigen Namen auf das Blatt, ich nehmen es entgegen und stecke es in meine Tasche, nachdem ich es mit einem Zauberspruch und einem Ritual gefaltet habe.
Ich gucke auf meine Uhr und sage, dass ich zur Vorlesung muss. „Wir sehen uns in zwei Tagen.“ Die beiden betrachten mich hingebungsvoll mit großer Bewunderung.
Am Abend gehe ich ins Internet und rufe die Seite von StudiVZ ab. Ich gebe die Namen ein und suche nach der passenden Seite. Ich bin gespannt, aber meine Tollkühnheit hat sich gelohnt. Nina und Sarah haben vieles über sich verraten und dort niedergeschrieben. Ich studiere die Seiten genau. Wer sich und wie oft eintragen hat und was geschrieben wurde.
Auf der Seite von Sarah hat sich ein junger Mann namens Tobias sehr häufig eingetragen. Er hat fast jeden Tag seine Grüße auf der Pinnwand niedergeschrieben. Sarah hat keinen Freund und beklagt sich im Forum darüber. Dann schaue ich bei Facebook und finde die gleichen Informationen.
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