Besonderes Labor: Die Nachbildung einer altersgerechten Umgebung<br />Foto: Okerlandarchiv
Besonderes Labor: Die Nachbildung einer altersgerechten Umgebung
Foto: Okerlandarchiv
Vernetzte Versorgungsdienste

Ein wertvoller Schatz für das hohe Alter

Von Stefan Boysen // 24. Juli 2009

Im hohen Alter krank zu sein und gepflegt werden zu müssen – das ist ein Gedanke, den man lieber auf die lange Bank schiebt. Nicht so in Braunschweig. Das Projekt „eHealth.Braunschweig“ und der niedersächsische Forschungsverbund „Gestaltung altersgerechter Lebenswelten“ setzen sich intensiv mit diesem Thema auseinander. Aus gutem Grund: Die Zahl der Pflegebedürftigen wird demnächst kräftig ansteigen. „Die Zeit drängt“, sagt Dr. Maik Plischke, Geschäftsführer des Braunschweiger Informatik- und Technologie-Zentrums (BITZ).

Die demografische Entwicklung stellt die Medizin vor eine große Aufgabe. Es wird weniger junge und mehr ältere Menschen geben, wodurch die Anzahl chronischer Erkrankungen genauso steigt wie die Anforderungen an die Ärzte.

Das Projekt eHealth.Braunschweig, das neben dem BITZ weitere Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft vereint und durch EU-Mittel gefördert wird, will die Herausforderung meistern – und zwar durch die Einbindung von Informations- und Kommunikationstechnologien in die Gesundheitsversorgung. Um dadurch die medizinische Versorgung nicht nur aufrechtzuerhalten, „sondern zu verbessern“, sagt Maik Plischke.

Die Medizintechnik gilt als Wachstumsmarkt. Rund 60 Prozent der Deutschen über 65 Jahre, so eine aktuelle repräsentative Umfrage des Branchenverbands Bitkom, wollen Telemedizin als Alternative zur stationären Behandlung nutzen.

Zur Telemedizin zählen zum Beispiel Alarmsysteme wie Sturzsensoren und Sensoren zur Erfassung wichtiger Vitalparameter wie Herzfrequenzmesser, die telemedizinische Daten in hoher Qualität und über große Distanzen vom Patienten zur Pflegekraft oder zum Arzt übermitteln und dazu beitragen, dass ältere Menschen länger in ihrem Zuhause leben können. Treten kritische Werte auf, werden Pflegekräfte und Mediziner frühzeitig informiert und können entsprechend handeln.

Aus der Entwicklung solcher vernetzter Versorgungsdienste nährt sich der Anspruch von eHealth.Braunschweig. „Es ist unser Ziel, in den kommenden drei Jahren prototyphaft aufzuzeigen, wie patientenzentrierte Versorgung aussehen kann“, sagt Maik Plischke.

In Braunschweig wird in diesem Zusammenhang auch intensiv geforscht. Gestaltung altersgerechter Lebenswelten ist ein niedersächsischer Forschungsverbund, in dem mehr als 40 Forscher assistierende Technologien für die Haushalte der Zukunft entwickeln. Sprecher der Forschungsverbundes sind Professor Reinhold Haux vom Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik (PLRI) der TU Braunschweig sowie Professor Andreas Hein vom OFFIS in Oldenburg.

Der größte Schatz des PLRI ist ein Labor, wie man es selten sieht: die Nachbildung einer altersgerechten Umgebung mit Schlafzimmer, Bad, Koch-, Ess- und Wohnbereich; ausgestattet mit Bewegungsmeldern, Drucksensoren und auch einer Sensorik, die beispielsweise das Heimfahrrad-Training von Patienten überprüfen kann.

Im hohen Alter ein selbstständiges Leben führen zu können – ein angenehmer Gedanke, der auf der langen Bank nichts zu suchen hat.

    2 Kommentare »

    1. Dieses Thema ist in der Tat ein sehr Interessantes, das schon vor Jahren immer wieder in den Fokus gerutscht ist. Ich erinner mich, dass es schon damals (vor mehr als zehn Jahren) im Zuge von MHP (Multimedia Home Platform) und DVB (Digital Video Broadcasting) thematisiert wurde. Und vor etwa fünf Jahren bei den Entwicklungen im Bereich Online Services und Location Based Services. Allerdings gab es damals den Begriff eHealth noch nicht … :)

      Seitdem haben sich die Voraussetzungen für solche Überlegungen deutlich verbessert. Es gibt genügend schnelle Rechner, die Spracherkennung und vernünftige Grafiken erlauben. Es gibt genügend günstige Hardware mit der sich Touchscreens und andere an bestimmte Alterserscheinungen angepasste Ein- und Ausgabemedien erschwinglich herstellen und zusammensetzen lassen. Es gibt Daten- und Voiceflatrates, die einem bei den Onlinekosten nicht Angst und Bange werden lassen. Prototypen sind fast von jedermann herstellbar, ohne dass er / sie sich in finanzielle Unkosten stürzen muss.

      Und auf die lange Bank schieben sollte man es bei diesen Gesichtspunkten schon gar nicht; im eigenen Interesse. Noch können wir die Entwicklung beeinflussen; in ein paar Jahrzehnten sind wir nur noch die Anwender und den findigen Köpfen unserer Kinder ‘ausgeliefert’ … :)

      Gibt es denn Foren, in denen man über Teilthemen diskutieren kann? Oder kann man sich beim BITZ irgendwie von außen (privat oder auch als Firma) mit Ideen und Umsetzungen beteiligen? Gibt es Interessengruppen oder sogar Open Source Ansätze oder Pläne dafür?

      Es gibt so viele Themen, die man in diesem Bereich bearbeiten kann:

      * Ergonomie der Ein- und Ausgabegeräte
      * eCall im betreuten Wohnen und draußen
      * Bestellung von Medikamenten oder einfach nur Lebensmitteln
      * Ferndiagnosen um einfach nur das Gefühl der Sicherheit zu geben
      * Kommunikation vergleichbar zu Skypes Videokonferenzen
      * ‘Remote Sensoric’ (was aber schon ein Bisschen an ’1984′
      von George Orwell erinnert)
      * Wie kann man es für ältere Menschen interessant machen (Psychologie)?
      * Was kann man durch solche Systeme noch alles realisieren?

      Ich würde mich gerne daran beteiligen; sowohl in der Planung und Spezifikation, als auch in der Umsetzung von Prototypen.

      Kommentar by Volker Kuz — 30. Juli 2009 @ 01:07

    2. Guten Tag,

      gern möchte ich anfragen, ob Sie Interesse haben für ein Interview bei Radio Okerwelle, das Gesundheitsjournal.

      Freue mich auf Ihre Antwort.

      Viele Grüße

      Andrea Zelesnik

      Kommentar by Andrea Zelesnik — 10. November 2009 @ 07:21

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