Konfusion durch IPv6?

„Gravierende Auswirkungen auf das Internet“

Es ist nur noch eine Frage der Zeit: Das Internet-Protokoll Version 4 geht in Kürze in Pension, das neue IPv6 steht zur Ablösung vor der Tür. Für die Webhosting-Branche ist die Umstellung ein Riesenthema – auch für Michael Rottmann, Geschäftsführer von Pixel X. Der Braunschweiger Internet Service Provider zählt mit 40.000 Kunden, darunter IT-Region 38, zu den Großen der Zunft. Stefan Boysen sprach mit Michael Rottmann über die Gründe für den nahenden Systemwechsel, die kostenintensiven Vorbereitungen auf den Tag X – und über drohendes Ungemach.

Herr Rottmann, das IPv4-Netz ermöglicht 4,3 Milliarden IP-Adressen, das IPv6-Netz wird dagegen unvorstellbare 340 Sextillionen IP-Adressen bereitstellen. Was steckt hinter diesem gigantischen Systemwechsel?

Um diese Zahl einmal zu veranschaulichen: 340 Sextillionen IP-Adressen – das sind pro Quadratmeter Erdoberfläche knapp 667 Trilliarden IP-Adressen. Als das IPv4-Netz in den Siebzigern entwickelt wurde, konnte niemand ahnen, dass das Netz 40 Jahre später die ganze Welt umspannen wird und jeder über einen privaten Internetanschluss verfügen kann. Oder dass jeder dritte Mensch mit einem IP-fähigen Smartphone durch die Welt läuft. Der Boom des Internets hat dazu geführt, dass die IP-Adressen deutlich schneller als angenommen aufgebraucht sind.

Wie viele freie IP-Adressen gibt es noch im IPv4-Netz?

90 Prozent des Netzes sind heute vergeben. Ich denke, dass Anfang 2011 die Vergabestellen keine IPv4-Adressen mehr an uns Provider rausgeben werden. Danach wird es vielleicht noch zwölf oder 24 Monate dauern, bis auch die Provider die an sie zugeteilten Netze verbraucht haben. Und dann ist Schluss.

Wenn es so weit ist: Schalten Sie dann einfach den Schalter auf das neue Netz um?

Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Wir haben Mitte 2009 angefangen, unsere Technik im Rechenzentrum IPv6-fähig zu machen – mit großem Aufwand: Zum heutigen Stand belaufen sich unsere Kosten für Investitionen in neue Hardware und für das Personal, das sich mit dem Thema beschäftigt, auf circa 200.000 Euro. So sind wir bereits jetzt in der Lage, unseren Kunden innerhalb der bestehenden Netzwerkinfrastruktur natives IPv6 anbieten zu können.

Warum ist das wichtig?

Kunden mit entwicklungsintensiven und komplexen Applikationen stellen an uns die Anforderung, dass sie ihre Dienste bereits jetzt in unserem Rechenzentrum unter echten IPv6-Bedingungen testen können, damit sie auf den Switch vorbereitet sind. Wir können unseren Kunden natives IPv6 mit einem mehrere Quatrillionen großen IP-Adressen-Pool zur Verfügung stellen, mit dem sie sich für den Tag der Umstellung wappnen können.

Wie werden wir, die wir daheim oder am Arbeitsplatz vor dem Rechner sitzen, den Switch bemerken?

Um das vorherzusehen, bräuchte man eine Glaskugel. Ich kann mir vorstellen, dass 2012, spätestens 2013 einer der großen Carrier wie Telekom, Arcor oder Vodafone plötzlich das Zeichen zum Switch geben wird, seine Dienste von IPv4 auf IPv6 umstellt und die anderen großen Carrier es ihm dann gleichtun.

Mit welcher Konsequenz?

Auf Unternehmen und Privatleute, die dann noch nicht mit ihrer Netzwerktechnik auf IPv6 vorbereitet sind, kann das gravierende Auswirkungen haben – falls die wesentlichen Dienste ins IPv6-Netz wandern und sie quasi ausgesperrt werden. Ich halte es für möglich, dass die ersten Monate nach Beginn der Umstellungen zu IPv6 sehr chaotisch werden und eventuell auch gravierende Auswirkungen auf das Internet haben. Es ist wichtig, bereits jetzt bei Neuanschaffungen der Netzwerktechnik darauf zu achten, dass diese IPv6 fähig ist.

Was sollte man tun?

Ein großes Problem ist noch, dass die Router von Privatanwendern und kleinen und mittleren Unternehmen in der Regel nicht IPv6-fähig sind und auch heute noch von vielen Herstellern unter anderem DSL-Router verkauft werden, die den neuen Standard noch nicht unterstützen. Jeder hat jetzt circa zwei Jahre Zeit, seinen Internetanschluss fit für das neue Internet-Protokoll zu machen. Der Switch wird kommen – und niemand kann ihn aufhalten.

    1 Kommentar »

    1. Hoffen wir also, das das Internet-Protokoll der nächsten Generation nur an einigen Kinderkrankheiten leiden wird. Es ist ja eigentlich angetreten Probleme zu beseitigen, etwa in Sachen Sicherheit.

      Kommentar by Light — 18. Januar 2010 @ 10:14

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