„Unserer Region fehlt eine große Kompetenzbörse"

Wilfried Nietschke ist seiner Zeit immer ein Stückchen voraus. Der Visionär in Reihen der Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV), führendes Engineering-Unternehmen aus Gifhorn mit weltweit fast 4000 Mitarbeitern, hat großen Anteil am Auto der Zukunft. Im Interview mit IT-Region 38 erzählt er von den Vorteilen der Helikopter-Perspektive, den Möglichkeiten der berührungslosen Energieübertragung und einer Idee, die sich für die Region als sehr wertvoll erweisen könnte.

Herr Nietschke, bei der IAV nehmen Sie als Bereichsleiter Technologie Monitoring die aktuellen und künftigen Trends ins Visier. Was genau ist Ihr Auftrag?

Meine acht Mitarbeiter und ich sind dafür zuständig, über den Tellerrand zu schauen. Wir identifizieren neue Technologien und untersuchen, inwieweit sie sich für die IAV in Geschäfte umsetzen lassen. Der Blick nach vorn ist eine wichtige Aufgabe. Wir sind für unsere Kunden wie VW und BMW nur dann ein attraktiver Entwickler, wenn wir Zukunftsfragen beantworten können.

Wie gelingt es Ihnen, die Antworten zu finden?

Wir sind viel auf Tagungen und Kongressen unterwegs. Ein Bespiel: Zuletzt waren wir wegen der Suche nach neuen Materialien auf der Hannover-Messe. Hier haben wir einen magnetischen Schaum entdeckt und untersuchen nun, auf welche Technologien wir dieses Material anwenden können. Man muss dabei immer die Helikopter-Perspektive einnehmen und die Gesamtsituation von oben betrachten: Nutzen wir die richtigen Technologien? Wenden wir sie richtig an?

Welche Zukunftstechnologien haben Sie ausfindig gemacht, die wir womöglich in ein paar Jahren im Automobil wiedersehen werden?

Wir arbeiten beispielsweise an der Energierückgewinnung aus Abgasen mit Hilfe thermoelektrischer Generatoren, die Wärmeenergie in elektronischen Strom umwandeln. Durch den Einsatz dieser Generatoren kann man das Bordnetz eines Fahrzeugs mit Energie versorgen. Eine weitere Entwicklung gemeinsam mit der TU Braunschweig und der Firma Vahle ist die berührungslose Energieübertragung an ein Elektrofahrzeug während der Fahrt – mittels Induktion nach dem Transformatorprinzip. Die Modellanlage haben wir auf der Hannover-Messe vorgestellt.

Sie entwickeln ausschließlich für die Automobilindustrie?

Überwiegend, aber nicht ausschließlich. Wir steigen beispielsweise gerade in das Geschäft mit der Fahrradindustrie ein. Unsere Entwicklung eines Elektroantriebes für das Fahrrad könnte schon bald in die Serienfertigung gehen.

Sie sind lange im Geschäft. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation der Automobilindustrie?

Ich bin seit 20 Jahren im Unternehmen beschäftigt. Zu Anfang hatten wir in Gifhorn 40 Mitarbeiter – nun sind es 2600. Ich erlebe mittlerweile die dritte Krise der Automobilindustrie. Bisher sind wir immer gestärkt daraus hervorgegangen, und ich gehe fest davon aus, dass das auch dieses Mal so sein wird.

Was macht Sie da so sicher?

Wer mehr Zeit hat – und das ist in der Krise der Fall –, der kann besser über neue Entwicklungen nachdenken, als wenn man voll unter Dampf steht. Außerdem weiß ich, wieviel Kapital in den Köpfen unserer Mitarbeiter steckt. Wir sind ein reines Ingenieurunternehmen.

Sie sind Sprecher der Gesellschafter der Carlectra GmbH. Welchen Zweck verfolgen Sie mit diesem Automotive Cluster?

Carlectra wurde gegründet, um die Kompetenzen der Elektronik in der Region Braunschweig zu bündeln. In vielen Fällen ist es so, dass Unternehmen gar nicht wissen, dass es in der Region Partner zur Zusammenarbeit für sie gibt. Oder sie übernehmen aus Angst vor der Konkurrenz einen Auftrag ganz allein, obwohl ihnen die Kompetenz fehlt – und fahren das Projekt dann an die Wand. Das ist unverzeihlich. Die Aufgabe von Carlectra ist es, Unternehmen in einem Netzwerk zusammenzuführen, damit sie gemeinsam größere Projekte abarbeiten können.

Kann solch eine Zusammenarbeit in der Region auch über die Automobilbranche hinweg funktionieren?

Wir haben eine Menge Potenzial, das noch nicht genutzt wird. Unserer Region fehlt eine große Kompetenzbörse. Etwa in der Volkswagen-Halle, wo Unternehmen aller Branchen – auch der IT – ihr Know-how zur Schau stellen und Partnerschaften abstecken können. Es gibt in der Region Anknüpfungspunkte ohne Ende. Wichtig ist, dass man miteinander kommuniziert – das Geschäft ergibt sich dann von ganz alleine.

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