September 2008

Digitaler Nachlass

Während einer Veranstaltung im Braunschweiger Landesmuseums habe ich beobachtet, wie die Besucher interessiert und aufmerksam allen Details aus dem Leben von Heinrich dem Löwen zuhörten. Ein Autor stellte sein Buch vor, eine neue Biografie des Braunschweiger Herzogs.

Er hat über seine Recherche berichtet, wie er nach England gefahren ist, um alte Korrespondenzen zwischen den Königshäusern zu erforschen. Er hat über die verschiedenen Bücher, die auf dem Hof geführt wurden, erzählt. Offensichtlich konnte der Autor nach hunderten von Jahren die Dokumente besichtigen, weil sie schwarz auf weiß auf Papier niedergeschrieben waren.

Einige Tage später habe ich im Literaturzentrum erlebt, wie die Neugier viele Braunschweiger und Braunschweigerinnen zu einer Lesung getrieben hatte. Eine Lesung über Liebesbriefe von Persönlichkeiten aus dem 17. Jahrhundert. Die Anwesenden haben sich über das Liebesleben und den Liebeskummer bekannter aber verstorbener Schriftsteller köstlich amüsiert. Ich habe festgestellt, dass wir alle kleine Voyeure sind, die gerne wissen wollen, wie ein berühmter Mensch leidet oder liebt. Die Tatsache, dass jeder von uns seine Erfahrungen mit der Liebe macht, erklärt wahrscheinlich diese Neugier.

Ich habe mich mit Astrid, einer Freundin, über die Begeisterung der Bevölkerung für das Liebesleben anderer Menschen unterhalten. „Es ist ein großer Markt", sagte sie, „schau mal, was alles jedes Jahr über den Sex in den Läden erscheint. Es ist unglaublich, dass die beiden Geschlechter Millionen von Veröffentlichungen verursachen. Die Regale in den Buchläden sind überfüllt mit Büchern über Liebe, Sex, Partnerschaft." Astrid war der Meinung, dass diese Millionen von Veröffentlichungen der Beweis dafür sind, dass jeder, der ein Buch über die Sexualität oder die Liebe schreibt, nur über seine eigenen Erfahrungen berichtet. Selbst, wenn die Leute befragt werden, sie sei überzeugt, dass diese nie die Wahrheit sagen würden. Welcher Mann würde zugeben, dass er keine Ahnung von Sex hat?

Nach einem Treffen beschlossen wir, ein Experiment zu machen. Das zeitgenössische weibliche Liebesleben machte mich auch neugierig. Astrid war bereit mitzumachen. Sie würde einige Frauen ganz diskret befragen. Wir hatten keine Lust, uns von den Männern belügen zu lassen. Es ist schwierig den Männern zu glauben, wenn man sich vorstellt, wie viele Bordelle rund um Braunschweig angesiedelt sind. Selbst billige Liebesmobile fehlen nicht.

Mit Enthusiasmus machte sich Astrid an die Arbeit. Sie befragte jüngere und ältere Frauen, die Gespräche wurden so intim, dass einige ihr ihre Träume, Fantasien und verschiedene Methoden, die ihnen halfen, die Triebe ihrer Körper zu beherrschen, preisgaben.

Wir haben nach und nach alle Daten auf ihrem Computer gespeichert. Sie fügte ihre eigenen Erfahrungen hinzu, sie beschrieb alles, was ihr durch den Kopf ging, wenn ein Mann ihr gefiel, wenn sie mit einem schlief. Es ging darum, ein Bild über die sexuellen Geheimnisse der Frauen zu malen. Ich habe mich sehr gefreut, so eine tolle „wissenschaftliche" Partnerin gefunden zu haben. Wir waren so offen zueinander, dass ich ihr meinerseits von meinem Treiben unter Braunschweiger Dächern erzählte. Wir machten ein Spiel daraus, anhand der Gesichter der Passanten auf der Straße, anhand der Äußerungen der Leute, zu erraten, ob jemand ein frustriertes sexuelles Leben führt oder nicht.

Ich fand das Experiment faszinierend und wir amüsierten uns jedes Mal, wenn wir uns trafen. Plötzlich erfuhr ich, dass sie nach einem Autounfall gestorben war. Ein Schock. Ich war entsetzt und tieftraurig. Ich habe in den ersten Tagen unsere Aufzeichnungen vergessen. Ich hatte nur ihr Lächeln vor meinem geistigen Auge. Ihre Sprüche waren für mich Ohrwürmer geworden.

Vier Wochen nach der Beerdigung habe ich beschlossen, ihre Eltern anzusprechen. Ich wollte die gesammelten Daten verlangen, die auf ihrem Computer waren. Ich rief die Eltern an und stellte mich als ein guter Freund ihrer verstorbenen Tochter vor. Wir vereinbarten einen Termin und ich ging hin. Die Mutter gab mir einen Karton: „Hier sind alle ihre Bücher, alle ihre Disketten und CDs", sagte sie.

Ich entgegnete, dass mich eigentlich der Computer interessierte. Die Mutter dachte kurz nach und sagte, dass der jüngere Bruder von Astrid den PC mitgenommen hat, als sie ihre Wohnung aufgelöst haben. Ich war besorgt. Was ist mit der Festplatte passiert? Die Mutter rief den Bruder an. Er wohnte nicht weit von den Eltern und kam vorbei. Er hatte keine gute Nachricht für mich. Die mit einem Passwort geschützte Festplatte hatte er einfach formatiert. Alle ihre Bücher waren ordentlich verpackt, selbst ihre Briefe und ihre Notizen auf losem Papier waren da. Trotz allem, was darauf gespeichert war, blieb die Festplatte nur eine Festplatte. Eine Zusammenstellung von Metallteilen. Die E-Mails, die darauf gesammelt wurden, wird niemand in zweihundert Jahre vorlesen. Auch wenn die Daten gerettet würden, mit welchem Betriebssystem konnten sie in zweihundert Jahren gelesen werden? Heinrich der Löwe hatte Glück, die Briefe von Georges Sand, die im Literaturzentrum gelesen wurden, hatten Glück.

Ich war niedergeschlagen, unsere Arbeit war mit einer Tastaturbetätigung zerstört worden. Die Eltern fragten mich, ob ich etwas Wichtiges suchte. Ich nickte und verließ mit gesenktem Kopf das Haus. Ich glaubte, nicht so schnell eine andere „wissenschaftliche" Freundin zu finden. Mir fehlte auch der Mut, das Experiment zu wiederholen. Ein Blick in die weibliche Welt, der meinen Nachkommen verborgen bleiben wird.

Luc Degla

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