August 2008

Luc zeigt seinen Freunden Afrika mit Superrechnern

Die Wissenschaftler und Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt Braunschweig sprechen vom Ende des Windkanals in absehbarer Zeit. Sie haben sich über die Beschaffung des schnellsten Rechners Europas CASE sehr gefreut. Sie können damit komplizierte Flugsituationen simulieren.

Im Maschinenbau gibt es kaum eine Entwicklung, die in die Produktion geht, ohne dass die Prototypen vorher virtuell auf ihre Funktionen getestet werden. Die 3D-Kinos funktionieren auf derselben Grundlage. In meinen Fall, da ich mich für Kulturaustausch zwischen Afrika und Europa einsetze, habe ich für einige Freunde das Leben in Benin simuliert. Sie wollten unbedingt meine Heimat bereisen. Ich machte mir Gedanken, wie ich ihnen den Schock ersparen könnte, wenn sie anreisen. Das Leben in den Tropen ist schon ein bisschen anders als hier in einem Glasturm auf dem Potsdamer Platz in Berlin.

Denn es handelte sich überwiegend um junge Frauen und Männer aus reichen Familien, die ihre Kindheit zwischen Harvard, Hamburg und München verbracht haben. Sicherlich werden sich viele Leser fragen, wie ich diese reichen Menschen kennengelernt habe. Es war aber ganz einfach. Ich habe mit dem Ersten nach einem Unfall Bekanntschaft gemacht. Er raste mit seinem Ferrari in mein Auto. Ich stieg aus, sah den Ferrari und lächelte. Denn ich war mir sicher, dass der Unfall mir eine Bekanntschaft mit einem reichen Fahrer ermöglichen würde. Und so war es. Er wollte nicht, wegen eines Blechschadens, die Polizei anrufen und seine Zeit verlieren. Wir tauschten die Adressen, er übernahm die Kosten für die Instandsetzung meines Autos, und alles war wieder gut.

Nach einigen Telefonaten wurden wir Freunde und besuchten uns gegenseitig. Während einer Party in seinem Haus äußerten einige Gäste den Wunsch, mit mir nach Benin zu reisen. Ich war verlegen und entschied mich, die Reise auf keinen Fall ohne eine vorherige Generalprobe zu organisieren.

Sie drängten mich, den Abreisetermin festzulegen. Nach langer Überlegung kam mir irgendwann eine Idee. Ich fragte einen Computerhersteller, ob er bereit wäre, mir zu helfen, indem er einige Rechner zu meiner Verfügung stellte. Die Verhandlungen waren sehr schwierig, weil der Unternehmer mich nicht an seine Anlage lassen wollte. Mein ausschlaggebendes Argument war die Aussicht auf ein zukünftiges lukratives Geschäft, ein Pioniergeschäft. Ich erzählte dem Unternehmer, dass man viel CO2 sparen würde, wenn die Leute die Möglichkeit haben, ferne Länder in Simulationsanlagen zu erleben. Damit könnte man die Zahl der Flüge reduzieren. Heute verzichten viele Leute schon auf Reisen in die Alpen, wegen all der Skihallen, die rund um die Welt entstehen.

Die Leute könnten in eine virtuelle Welt eintauchen und dabei die Länder erleben. Wenn man es schaffen würde, alles so einzustellen, dass die Bilder realistisch herüberkämen, können sich die Leute erstmal überlegen, ob sie die Reise antreten werden oder nicht. Der Unternehmer gab nach.

Wie kann man ein Land in Afrika simulieren? Wir schafften es, in einem Raum über Gebläse und Temperatursensoren ein feuchtes tropisches Klima herzustellen. Ein Dufthersteller bereitete uns verschiedene Duftkomposition zu. Für alles war gesorgt, selbst der Lärm auf den Straßen in Benin wurde aufgenommen. Die Teilnehmer mussten nur noch Platz nehmen und eine Spezialbrille aufsetzen.

Ich lud meine Freunde ein. Nach einer schönen Mahlzeit, bei der wir verschiedene Köstlichkeiten aus Benin gegessen hatten, nahmen sie in der Simulationsanlage Platz. Obwohl sie sich in Deutschland befanden, tauchten sie in eine virtuelle Welt, die ihnen bisher fremd war. Nach einer Flugsimulation, in der sie über Wolken flogen, begann der virtuelle Rundgang am Flughafen in Cotonou. Die Simulation war so realitätsnah, dass einige zuckten, als ein Grenzbeamter nach ihrem Pass fragte, ein anderer fing an, in seiner Jacketasche nach dem Pass zu suchen. Über den Lautsprecher gab ich ihnen die Anweisung, dass sie den Grenzbeamten ignorieren sollen, sie sollen einfach still sitzen, sie werden weitergeführt. Sie verließen die Abfertigungshalle und stiegen in ein typisches afrikanisches Auto, eine Rostlaube, die sofort losfuhr.

Immer wenn das Auto in ein Schlagloch fuhr, schaukelten auch die Sitze, auf denen meine Freunde saßen. Die Stühle waren so geregelt, dass sie die Stöße spürten, sowie man dort die kaputten Stoßdämpfer spürt. Sie fuhren an einem Sumpfgebiet vorbei, aus den Gebläsen stieg der typische Geruch. Sie hielten ihre Nasen zu. Das Auto fuhr an Müllbergen vorbei, der Gestank war unerträglich. Sie entdeckten danach eine Betonstadt; im Stadtzentrum erlebten sie das Abgas, den Lärm, die fliegenden Händler und die Verkäuferinnen. Alles wirkte fast echt und war wirklich spannend. Meine Freunde waren still und konzentriert. Sie fuhren weiter in die Dörfer. Sie sahen Kinder, die an den Straßen spielten und die ihnen „Yowo, Yowo Bonsoir" zuriefen. Yowo heißt in Benin Europäer. Seit der Kolonialzeit riefen die Kinder den Europäern diese Parole zu.

Die Landschaft begeisterte meine Freunde sehr. Ein Teppich aus Stroh und Pflanzen rollte unter ihren Füßen, die Blätter streiften ihre Beine und gab ihnen das Gefühl, durch dichte Wäldern zu stapfen. Sie sahen viele ihnen unbekannte Tiere und hörten Vögel zwitschern. Sie schrieen instinktiv als ein riesiger Python vorbei glitt und sie durch die Simulationsanlage etwas auf ihrer Haut spürten.

Als die Vorstellung vorbei war, dachte ich, dass der eine oder der andere es sich anders überlegen würde und wurde überrascht. Sie wollten alle die Reise nach Benin antreten, sie hatten keine Angst vor Afrika und waren durch meine Simulation noch neugierig geworden.
Drei Monaten später befanden wir uns in einem Flieger Richtung Cotonou, die Wirtschaftsmetropole des Landes. Alle waren gut gelaunt. Sie flogen nicht mehr in eine unbekannte Welt, die Gerüche des Landes waren ihnen bekannt, sie waren in der Simulationsanlage allen möglichen Wetterverhältnissen unterworfen worden. Nach der Landung amüsierte sie die Tatsache, dass sie am Schalter für die Passkontrolle, denselben Beamten wie in der Simulation gesehen haben. Da sie sich aus der 3-D-Filmaufnahme vieles gemerkt hatten, liefen sie direkt dem Ausgang zu.

Der Fahrer, der uns abholen sollte, kam mit seinem Minibus und hielt vor uns an. Wir beluden das Auto und fuhren zum Hotel. Meine Freunde wollten sofort in die Stadt, sie wollten alles real erleben, was sie in dem virtuellen Benin gesehen hatten. Insbesondere das Essen, das ihnen so lecker erschien und von dem sie nur den Duft mitbekommen hatten. Wir liefen durch die Straßen Cotonous und schlenderten über die großen Shoppingmeilen. Nachdem wir durch eine dichte Menschenmenge gegangen waren, stellte einer fest, dass er Opfer eines Taschendiebes geworden war. Wir waren alle empört, insbesondere ich. Ich hatte das Wetter, die Gerüche, die Landschaft, fast alles simuliert, nur an so was wie Taschendiebe hatte ich nicht gedacht und wie hätte ich das auch simulieren können?

Luc Degla

Durchschnitt (0 Stimmen)