Da jeder von uns Teil der Geschichte ist, schreibe ich meine Geschichte des Internets. Eine Geschichte, die wahrscheinlich nie in die Geschichtsbücher eingehen wird, weil dort Google, Yahoo und Apple längst ihren verdienten Platz gefunden haben.
Eines Tages im Jahr 1995 rief mich ein Freund an mit der Bitte, mit meinem Fahrradanhänger zu ihm zu kommen, um mein Geburtstagsgeschenk abzuholen: einen PC.
Ich lud den Bildschirm, den Desktop und die Tastatur auf den Anhänger meines Fahrrades und fuhr glücklich nach Hause. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich als Maschinenbau-Student nur ein Semester lang mit einem Computer gearbeitet. Ich hatte programmieren gelernt. Wir übten uns in der Programmiersprache „Fortran“ zwei Stunden pro Woche. Was ich jetzt mit dem Gerät zu Hause machen könnte, war mir ein Rätsel.
Ich baute den PC auf meinem Arbeitstisch auf, fuhr ihn hoch und sah eine Meldung blinken: „No system or insert disk.“ ‚Was heißt das?‘ dachte ich und schaltete das Gerät wieder aus.
Am nächsten Tag fragte ich meine Freunde an der Universität, was ich zu Hause mit einem PC anfangen konnte, ob sie einen besaßen und was sie damit machten. Die meisten zuckten mit den Achseln, viele hatten keinen Computer und deswegen keine Ahnung. Dann lernte ich Boris kennen, der mich fragte, ob ich ein Office-Paket installiert habe. Er riet mir, zuerst das Betriebssystem zu installieren. „Das sind die Disketten, die mit dem PC mitgeliefert wurden“, erklärte er mir, dann würde er mir sein Office-Paket installieren, damit ich schreiben und Tabellenkalkulationen machen könnte.
Nach und nach lernte ich viele Kommilitonen kennen, die zu Hause einen PC besaßen. Statt damit zu schreiben, spielten viele von ihnen nur mit ihrem Gerät. Jose schenkte mir eine CD für Flugsimulation. ‚Komisch‘ dachte ich, ‚wie kann man so viel Geld nur zum Spielen ausgeben?‘ Ich hatte so wenig Zeit und fand Spielen am PC blöd.
Dieses Vorurteil bestätigte sich als einer der Freunde, den ich dank meiner Fragen über PC gewonnen hatte, mich ins Rechnerzentrum einlud, um mir eine neue Errungenschaft zu zeigen: das Internet. Er gab mir die Anweisungen: „Du startest Netscape, dann gibst du den Link ein.“ Er verwendete eine Sprache, die mir völlig unbekannt war. Er spürte, dass ich kein Interesse zeigte, wollte mir das Medium schmackhaft machen und tippte „Benin“ in die Suchmaschine ein. Es erschien nichts. „Das kann doch nicht wahr sein!“ rief er empört, „warum gibt es keinen einzigen Eintrag über ein Land in Afrika?“ Er gab als nächsten Begriff „Afrika“ ein und wir fanden viele Eintragungen.
Ich fragte mich, warum ich bis ins Rechenzentrum gehen musste, um über Afrika zu lesen, während Lexika und andere Bücher auf meinem Bücherregal standen. Mein Freund ging auf Nummer sicher und suchte bekannte Namen: „The Times, Massachusetts Institut of Technologie, usw.“ Es war mir langweilig, ich verabschiedete mich und ging nach Hause.
Einige Tage später hing ein Zettel im Foyer unseres Wohnheims. Eine studentische Initiative kündigte an, dass sie das Wohnheim vernetzen wolle und uns alle ans Internet anschließen werde. Nach ihren Kalkulationen bedeute der Anschluss eine Erhöhung der Miete um ungefähr 10 DM. Das würde für uns billiger, als einzelne Verträge mit den Providern. Sie hatten die Unterstützung des Präsidenten der TU Braunschweig erhalten und möchten nun die Zustimmung der Bewohner. Neben der Kopie des Briefes des Präsidenten hingen auch zwei Blätter mit den Überschriften „Ja“ und „Nein“.
Es tobte fortan ein erbitterter Kampf an dieser Wand. Neben den Namen schrieben viele einen Kommentar. Die Gegner waren mit ihrer Wortwahl am aggressivsten. „Verpisst euch!“ „Kümmert euch lieber um euer Studium!“ „Habt ihr nichts zu tun?“ „Noch ein Abzockerverein!“ Die Befürworter waren nicht so kreativ: „Macht weiter so“ „ich finde das toll“, usw. Mein Kommentar lautete: „Wenn ihr spielen möchtet, tut das nicht auf meine Kosten!“ und fügte meinen Namen der Liste der Gegner hinzu. Das reichte mir aber nicht, denn jeden Tag, wenn ich durch das Foyer kam, ging ich an die Wand und fügte immer ein Nein in den verschiedenen Sprachen, die ich spreche, hinzu: „Non“, „No“, „Njet“, Ngbe“.
Jedem afrikanischen Studenten, dem ich auf dem Campus begegnete, erzählte ich empört, dass wir eine Front gegen dieses bescheuerte Internet bilden müssen. Wer spielen will, soll allein die Kosten tragen. Ich gestikulierte und protestierte. Zu meiner Empörung gab es einige afrikanische Studenten, die sagten, dass sie Internet schön fanden. Es half alles nicht, die Liste der Befürworter wurde länger und länger, und sie gewannen die Abstimmung klar mit 2/3 zu 1/3.
Für mich ging es um ein Prinzip, bevor sie ihre Kabel verlegen und die Miete um 10 DM erhöhen, zöge ich lieber aus dem Wohnheim aus. Meine Entscheidung stand fest.
Einige Wochen nach der Abstimmung über den Internetanschluss besuchte mich der Freund, der mir den PC geschenkt hatte. Er fragte mich, ob Internet mich interessieren würde. „Na ja“ sagte ich, „ich bin eigentlich dagegen.“ Er versprach mir am nächsten Tag wiederzukommen, er würde ein Modem mitbringen und mich als Mitbenutzer über seinen Vertrag an T-Online anschließen.
Am nächsten Tag entdeckte ich eine neue, bunte Welt. Das Wetter, die Nachrichten, usw. Ich staunte, weil nicht nur Benin inzwischen angemeldet und auffindbar war, sondern auch die nationale Zeitung war online, und ich konnte die Nachrichten in der Heimat verfolgen, ohne meine Verwandten anrufen zu müssen. „Das gibt es doch nicht!“ rief ich begeistert, als ich feststellte, dass ich mehrmals am Tag meinem Bruder, der in Italien studierte, E-Mails schreiben konnte. Meine Freunde weltweit erhielten auch E-Mails von mir. Ich brauchte keine Briefmarken mehr, und das Schreiben war sofort unterwegs. ‚Internet ist doch gut‘ dachte ich. Es war mir peinlich, ich bereute, was ich einige Wochen vorher auf den Zettel geschrieben hatte.
Hätte der Zettel noch gehangen, hätte ich sicherlich meinen Namen aus der Liste der Gegner gestrichen und mich als Befürworter eingetragen. Meine „No!“ „Non!“ „Njet!“ und „Ngbe“ hätte ich unter fetten Edding-Strichen verschwinden lassen.
Heute habe ich Internet nicht nur zu Hause, sondern dank meines MDA auch unterwegs dabei. Das Zeug hat unser Leben völlig verändert, ob uns das bewusst ist, das ist eine andere Frage.
Ihr Luc Degla