Hier also traf ich zum Vorstellungsgespräch Onkel Sepp. Ganz in jägergrün gewandt, hatte er sich Pommes mit Jägersoße von „Wolle's Wurstkontor" gegenüber besorgt und ereiferte sich mit rot leuchtender Halbglatze über den Wohlstand des bierwurstigen Lokalisierungsgewinners Wolle, merkwürdigerweise „Günne" genannt, sichtbar auf die Straße gebracht durch seine, Günnes, adipöse Einheitskanzler-S-Klasse, und darüber, dass eben diese Wuchtbrumme ja wohl allein durch seine, Onkel Sepps, „Fresserei" finanziert worden sei, wohingegen er, Onkel Sepp, mit einem pfefferminzgrünen Damenfahrrad durch die elenden Stadtfluchten eiern müsse – und eben daran, an diesem unglaublichen, ja unerhörten Missverhältnis, würde eines Tages die deutsche Wirtschaft noch zugrunde gehen. Das war mein Mann! „Wäre denn noch Platz in der Küche für meine Mikrowelle?", fragte ich schlau. Bingo, willkommen im Wilhelminischen Kaiserreich.
Eine schöne Zeit begann. Onkel Sepp war jähzornig, großzügig, ein reaktionärer Anarchist vor dem Herrn. Die Antipode dazu bildete der kurzhosige und relativ ungewaschene „Maschbauer" Sven-Uwe, Bier- und Putzplanbevollmächtigter unserer Wohneinheit. Sein Vater war Rechnungsprüfer bei der evangelischen Landeskirche – die Gene! Sven-Uwe kam aus einem sehr platten, sehr niedersächsischen Dorf, aber gesegnet mit immerhin zwei Kriegerdenkmälern. Sein ewiger Plan klärte über sämtliche Bier- und Putzpflichten auf. So wusste ich, dass ich am Freitag, den 12.6.2712 mit dem Nassbereich „dran" wäre, es sei denn, ich hätte vorher mindestens 15 Mark Wochenpfand erlöst, bezogen auf den Preisindex von 1993 des Statistischen Bundesamts.
Einmal fiel der Zähler unseres roten Gemeinschaftstelefons aus. Sven-Uwe war am Boden zerstört. Sein zweites Lebenswerk, die Telefonliste war vorübergehend nicht zu pflegen. Sven-Uwe klebte ein mahnendes Schreiben an den Hörer: „Nein! Anrufen nur aus Telefonzelle". Ich fragte, ob wir zur Abrechnung nicht einfach die bisherigen Zahlen hochrechnen könnten. Sven-Uwe schnappte nach Luft, kriegte „Kreislauf". Onkel Sepp las den Zettel, zerknüllte ihn. „Kerr, Kerr, ein richtiger Mann geht nicht in eine Telefonzelle."
Neben uns wohnte eine Biologinnen-WG, die eindrucksvoll die achtziger Jahre, mit Latzhosen, bots-Platten und ungesüßtem Tofu-Kuchen perpetuierte. Sepp war's hochgradig fasziniert, scharwenzelte um den Braten herum. Das reizte seinen Spieltrieb. Aber er blieb immer korrekt dabei, denn merke: „Der Fuchs wildert nicht im eigenen Revier". Einmal schmiss er Sven-Uwes Computer aus dem Fenster, weil wir damit ein kleines „Deine Mutti hat angerufen"-Herz gebastelt hatten, mit Windows Paint. Onkel Sepp stemmte seinen westfälischen Dickschädel mit eisernem Trotz gegen das „Bildungsfeuilleton", er strombergte gegen alle postmodernen oder bunten Anforderungen der Mehrheitsgesellschaft. Er wusste, dass es mitunter nicht ratsam war, den Reserveoffizier in Stellung zu bringen, aber er beharrte darauf, sich nicht „anzubiedern". Wenn ihn das liberale Bürgertum nicht hereinlassen wollte, gut so. Lieber ins Dreckloch ziehen, als sich „verbiegen".
Nach einem Jahr aber war es vorbei mit den Biologinnen, dem Gemeinschaftstelefon und „Wolle's Wurstkontor". Sven-Uwe quälte sich durch sein Diplom, zog aus, tauschte seine kurzen Hosen gegen einen weiträumigen Vertreter-Anzug mit Motivkrawatte ein und wurde „wichtig". Und Onkel Sepp? Er hatte sich niemals dem Putzplan gebeugt. Er heiratete heimlich, sogar eine höhere Professorentochter, und bekam, ausgerechnet, zwei Töchter. Ich fand es über die Kleinanzeigen im Supermarkt heraus – und gratulierte ihm mit einem ehrlichen Handschlag.