Schwaken ab Mittellinie!

Zum Glück brechen alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit endlich die lang erwarteten Fußball-Hallenturniere an. Am muffigsten sind sie ja ganz unten, in der Kreisklasse. Ein Turnier fängt hier in der Regel am Sonntagmorgen um acht an und hört abends um zehn auf. Gespielt wird nach den kompliziert möglichsten Austragungsregeln; einer Mischung aus d'Hondtschem Höchstzahlverfahren, Sporthochschule Köln, Prof. Dettmar Cramer und Konrad „Adam" Zuse, die der Ehrenpräsident des gastgebenden Vereins in autokratischer Kleinstarbeit „ausgetüftelt" hat.

Von Gerald Fricke

Eine Stunde vor Turnierbeginn marschieren die Mannschaften, angeführt vom Spielführer, in die ordentlich blankgewichste Halle ein und entbieten den sportlichen Gruß. Am Mittelkreis wird nach Größe Aufstellung eingenommen und die Ehrenformation des Gastgebers von Repräsentanten aus Staat, Verwaltung und kommunaler Bierwirtschaft abgeschritten. Der Hallensprecher wünscht allen „Gudspochz" und los geht's.


Gespielt wird in zwei Vierer- und drei Dreiergruppen. Die beiden bestplatzierten Dritten der Vierergruppen kommen weiter, die Zweiten der Dreier müssen gegen die drei schlechtesten Zweiten der Vierer zur Relegation antreten, die drei schlechtesten Letzten tragen eine Trostrunde aus, dessen Gewinner durch einen Sieg über den besten Letzten des Vorjahres eine Runde weiterkommen kann. Kann! Entscheidend ist der Koeffizient aus geschossenen Toren, Schnauzdichte und gelben Karten. Jede Mannschaft benennt dazu einen Abiturienten, der die Statistik führt. Ab Halbfinale dann KO über Kreuz, ohne Golden Goal. Natürlich werden sämtliche Plätze von eins bis zwanzig in aller Pedanterie ausgespielt. Ansonsten gilt: Kein Einwurf, sondern „Einrollen", blindes Draufschwaken erlaubt ab Mittellinie, nach jedem fünften Treffer ein Kasten Bier vom Sponsor (exkl. Pfand). Bei offenen Fleischwunden des Gegners ist der Ball unter das Hallendach zu dreschen, Spielfortsetzung mit „Schiedsrichterball".


In den vierzehn Stunden verzehrt man sieben Stück Schmandkuchen, vier Leberwurstbrote, zwei Bier (nach vier) und kommt auf eine Nettospielzeit von 8,3 Minuten. Das erste Spiel ist um acht, das zweite um eins, das dritte irgendwann. Vor der Halle bilden sich schon bald einige kurzhosige, dampfende Rauchergruppen im Schnee, bei minus fünf Grad. Ernste Analysen, wilde Gesten. Der eine Abiturient hat sich für die Spielpausen sogar ein Buch über Paragliding und die „Payback" von Frank Schirrmacher mitgenommen, aber er kommt nicht so recht dazu, sieht sich vielmehr in interessante Diskussionen verwickelt („wofür is'n das gut?"). Auf der Tribüne nimmt derweil ein johlendes Happening mit Spielerfrauen und „kleinen Feiglingen" Gestalt an. „Du, bei Sülzen spielt ja Dieter Pomerenke mit", raunen sich ganz hinten die älteren Fußball-Erfinder zu, „der hat mal bei Salzbüttel inner Verbandsliga gespielt, 1983!" – „Jaha, immer noch'n super Auge!" – „Ich sach Dir. Der Magnet. Zieht alle Bälle an."


Dann das Finale. Verhaltensauffällige Schüler haben unter erlebnispädagogischer Anleitung in monatelanger, liebevoller Projektarbeit einen Pokal gefertigt. Der geht heute an den Außenseiter, den „krassen". „Leider haben die Spochzfreunde aus Sülzen schon die Halle verlassen", rasselt der Lautsprecher zur abschließenden Siegerehrung. „Platz 17 und das Bierfass daher für: SV Öller." Das Pfeifkonzert für die unsportlichen Sülzer mischt sich in den höflichen Öller-Applaus.

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