Verschwörer in kurzen Hosen

Beim Apfelsinenkaufen treffe ich ihn zufällig: Boris. Er trägt jetzt eine "Frisur", also etwas willentlich Gestaltetes auf dem Kopf. Nach dem großen Soziologen Max Weber bedeutet "Frisur" ja, sich gegen borstige Widerstände durchsetzen zu können. Wir sprechen kurz über das Wetter und eine aktuelle politische Weltverschwörung. Dann bemüht sich Boris, mir in endlos verschachtelten Sätzen kurz zu erklären, was er jetzt gerade so "macht". Sein spiddeliger Körper wird von einem beigen Sommeranzug lässig umspielt, aber das ist eine Lüge. Denn ich kenne Boris noch von früher. Damals materialisierte sich mir sehr eindrucksvoll die Theorie der "zwei Kulturen" (C. P. Snow), die Kluft des gegenseitigen Nichtverstehenkönnens noch -wollens von Geist und Technik.

von Gerald Fricke

Zunächst ging es zur Polizei. Um das geklaute Gerät "zur Anzeige zu bringen", gegen "Unbekannt". Kaum angekommen, wir wechseln ins dramatische Präsenz, hausmeistert mich prompt ein Schnauzbart an: "Naa, wo wolln wa denn hin, junger Mann?" - "Äh, mein Fahrrad …" - "Einmal ganz durch. Deswegen steht da vorne ja ein Schild. Einfach mal leeesen!" - Herzlich willkommen in der Welt der Bademeister, Platzwarte und Unterhemdkleingärtner. Ich habe sie immer schon provoziert, einfach so, qua bloßer Existenz.

Es geht weiter, einmal ganz durch, dann rechts, ins Bürobüro. Ich bin wieder im Kreiswehrersatzamt, bei der Musterung. Ein merkwürdiger Ehrgeiz nimmt mich in den Schwitzkasten und kämpft mit meinem Restverstand: Jetzt einfach weiter den Trottel spielen oder doch einen auf bella figura machen?

König Gemütlichkeit nimmt mir diese Grundsatzfrage ab. Er hat hier sein Reich als Kommissar Speiche errichtet - mit ausladenden Topfpflanzen (Gummibaum) und lustigen Sprüchen ("Bin auf Arbeit, nicht auf der Flucht"). Die vollbärtige Jovialitätsmaschine im breitgesessenen Vollcord hat sich ihre unzähligen Speichen und Sporen sicher in vielen Jahrzehnten als Kontaktbereichsbeamter der Herzen erworben. "So, wo ist denn meine Lesebrille", werde ich begrüßt. "Ah, die hab ich ja schon auf, hehe." Wir tauschen uns über "das verrückte Wetter" aus. Wir geben meine Daten ein, Einfinger-Adlersuchsystem. Wir schütteln die Köpfe über die Explosion der Managergehälter, "Wetten, dass …?" auf Mallorca und wieder "das verrückte Wetter". So, bitte hier unterschreiben. Der Menschenfischer ist schon beim versteckten "Du" angekommen: "Hamwa nicht auch mal beim TSV Lehndorf Fußball gespielt?" O Gott, jetzt ist es aber schleunigst time to say goodbye.

Am nächsten Tag kaufe ich mir ein neues Fahrrad. Mit Kindersitzhalterung und Betonbügelschloss, Sicherheitsstufe Fort Knox. "Passen denn Kindersitz- und Schlosshalterung an den Rahmen?", gebe ich zu bedenken. "Kriegen wir schon passig", werde ich für eine halbe Stunde weggeschickt. Wieder zurück, passt nichts. "Wie soll das denn gehen? Da musste das Schloss aufm Sattel mitnehmen", duzt mich der tätowierte Monteur mit Gewalthintergrund. Ich gebe auf und kein Widerwort mehr.
Morgen kommt das Fundbüro dran. Ich habe jetzt schon Angst.

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