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Zeitmanagement boomt. Sich Arbeitstechniken zur effektiven Zeitnutzung anzueignen und sie im Job anzuwenden, ist für viele Menschen Bestandteil der beruflichen Weiterbildung. Marianne Gronemeyer hält wenig von solchen Seminaren, das wurde während des Vortrags des Jahres von Gesellschaft für Informatik (GI), VDI, VDE und IT-Region 38 schnell deutlich.
Zeit lässt sich nicht kontrollieren, meint Marianne Gronemeyer, deren Werke wie Das Leben als letzte Gelegenheit in vielen Bücherregalen einen festen Platz haben. Das man Zeit sparen, gewinnen, vertreiben oder gar totschlagen könne, „ist eine Illusion, die Zeit lässt das alles nicht mit sich machen".
Die Überzeugung, „dass alles, was dauert, zu lange dauert, wird bereits mit der Muttermilch aufgesogen". Die Menschen würden alles so schnell wie möglich erledigen wollen, „um endlich zum Eigentlichen kommen zu können, was sich dann wieder als uneigentlich entpuppt". Dieser „Wettlauf mit der Zeit" bringe eine Reihe Beschleunigungsverlierer hervor, die als Preis einen „Weltverlust statt Weltgewinn" erhielten.
Was also tun, um nicht immer von dem Glauben getrieben zu sein, dass man gerade jetzt, in diesem Moment, irgendwie auf der falschen Party ist? Und um im Augenblick die Ewigkeit zu finden? Den Schlüssel zur Entschleunigung hatte Marianna Gronemeyer nicht dabei, dafür aber einen von der Hoffnung getragenen Rat.
Sie zitierte den Schriftsteller Italo Calvino und dessen Buch Die unsichtbaren Städte. Was man versuchen könne: „Zu suchen und zu erkennen wissen, darauf komme es an, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Bestand und Raum geben." Danach setzte sie einen Punkt hinter ihren neunzigminütigen Vortrag.
Man darf davon ausgehen, dass nicht jeder der mehr als hundert Zuhörer einen Zugang zu ihren Überlegungen fand, manche aber schon. Einer von ihnen war Matthias Tschersich vom Braunschweiger Unternehmen Elektrobit, dem an diesem Abend einmal mehr bewusst geworden war, „dass Zeitmanagement und ein gesundes Verhältnis zu der Zeit zwei verschiedene Dinge sind – das eine ist ein Werkzeug, das andere eine Einstellung".
Ob sich Matthias Tschersichs Einstellung geändert hat? Einige Denkanstöße nehme er auf jeden Fall mit nach Hause. Ihr kritisches Verhältnis zu Zeitmanagement-Instrumenten wollte er nicht vollständig teilen, „das ein oder andere Werkzeug zu benutzen ist nichts Schlimmes".
Ganz am Schluss wies Marianne Gronemeyer auf einen Zwiespalt hin, in dem, so ihre Meinung, die meisten von uns stecken. Auf der einen Seite sei man zutiefst beunruhigt, dass die Zeit knapp ist, was an den Nerven zehrt und die Lebensqualität zerstört. Auf der anderen Seite weise man gern auf die eigene Zeitknappheit hin. „Als Ausweis der eigenen Vielbeschäftigtkeit und Bedeutsamkeit." Da ist was dran.